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 Es gibt nichts zu verstehen

Sie werden niemals frei von Eigennutz sein.

Aber alle Heiligen, die Erretter und die Religionen aller Zeiten haben uns ermutigt, uneigennützig, zurückhaltend und sanftmütig zu sein. Demnach muß es doch möglich sein. Wie können Sie sich denn dessen so sicher sein?

Weil es mir vollkommen klar ist, daß Sie die Idee der Selbstlosigkeit deshalb erfunden haben, um sich vom Tatsächlichen - Ihrer Selbstsucht - zu schützen. Auf jeden Fall werden Sie, gleichgültig ob Sie an Selbstlosigkeit glauben oder nicht, immerzu selbstsüchtig bleiben. Ihre sogenannte Selbstlosigkeit existiert nur in der Zukunft, morgen. Und wenn Morgen kommt, dann wird sie auf den nächsten Tag verschoben, oder vielleicht auf das nächste Leben.

Sehen Sie, es ist wie mit dem Horizont. In Wirklichkeit gibt es keinen Horizont. Je mehr Sie sich ihm nähern, desto weiter entfernt er sich. Es sind nur die Beschränkungen des Auges, die den Horizont entstehen lassen. Aber so etwas wie einen Horizont gibt es nicht. Ebensowenig gibt es etwas wie Selbstlosigkeit. Der Mensch hat sich seit vielen Generationen mit dieser Vorstellung von Selbstlosigkeit gequält, und das hat lediglich jenen einen Lebensunterhalt eingebracht, die die Idee der Selbstlosigkeit zu diesem Zwecke verkaufen, wie die Priester und die Moralisten.

Ich verurteile weder Sie noch sonst jemanden; ich weise nur auf die Absurdität dessen hin, was Sie tun.

Wenn die Energie freigesetzt wird, die auf der Jagd nach etwas, das es nicht gibt, verschwendet wurde, wie etwa der Selbstlosigkeit, dann vereinfacht sich Ihr Problem, egal, woraus es besteht. Sie werden damit aufhören, auf der materiellen Ebene Probleme zu schaffen, und das ist die einzige Ebene, die es gibt.

Ja, aber was ist mit denen, die nicht nach irgendeiner illusionären Abstraktion suchen, sondern einfach nach Glück?

Ihre Suche nach dem Glück unterscheidet sich in nichts vom spirituellen Streben. Beides ist die Jagd nach dem Vergnügen, wobei die Spiritualität das größte und ultimative Vergnügen ist.

Also muß dieses Streben aufhören?

Sagen Sie nicht, es müsse aufhören. Zu wollen, daß die Selbstsucht verschwindet, ist ein fester Bestandteil des egoistischen Strebens nach einem angenehmeren Zustand ­ der Selbstlosigkeit. Beide existieren nicht. Deshalb sind Sie auch auf ewig unglücklich. Ihre Suche nach dem Glück macht Sie unglücklich. Beides, das spirituelle Ziel und die Suche nach dem Glück, sind ein und dasselbe. Beide sind im Grunde egoistische, auf Genuß zielende Bestrebungen. Wenn Sie das einmal verstanden haben, dann werden Sie in dieser Hinsicht keine Energie mehr verschwenden.

Sie wissen, ich bin schon überall auf der Welt gewesen, und dabei ich habe gefunden, daß die Menschen überall gleich sind. Es gibt überhaupt keine Unterschiede. Werden ist für jedermann die wichtigste Sache auf der Welt - etwas zu werden. Alle wollen sie reich werden, ob nun in materieller oder in spiritueller Hinsicht, es ist genau dasselbe. Trennen Sie es nicht voneinander ab; das sogenannte Spirituelle ist das Materialistische. Sie mögen von sich glauben, daß Sie überlegen seien, weil Sie in den Tempel gehen, um Puja darzubringen, aber die Frau, die dort ihre Puja zelebriert, tut das in der Hoffnung, ein Kind zu bekommen. Sie will etwas haben, also geht sie in den Tempel. Das tun Sie auch, es ist genau das gleiche. Sie gehen aus sentimentalen Gründen, aber mit der Zeit wird es zur Routine werden, und Sie werden es verabscheuen.

Ich versuche ganz einfach darauf hinzuweisen, daß Ihre spirituellen und religiösen Aktivitäten im Grunde selbstsüchtig sind. Sie gehen aus demselben Grund in den Tempel, aus dem Sie auch woanders hingehen - Sie wollen ein Erfolg erzielen. Wenn Sie nichts haben wollen, dann gibt es auch keinen Grund, in den Tempel zu gehen.

Aber die große Mehrheit der Menschen geht doch in den Tempel...

Warum ist es denn so wichtig für Sie, was die Mehrheit tut? Dies ist Ihr Problem, und Sie müssen es für sich selbst lösen. Kümmern Sie sich nicht um die Menschheit und die Milliarden Menschen auf der Erde.

Warum sollten wir das, was Sie sagen, nicht ebenfalls einfach verwerfen, so wie Sie es mit den Lehren und Leistungen der anderen tun?

Wenn Sie den Schneid dazu haben, werde ich der allererste sein, der das begrüßt. Aber Sie dürfen sich dabei nicht auf Ihre heiligen Bücher verlassen - die Bhagavad Gita [1] oder die Upanishaden. Sie müssen das, was ich sage, ohne Mithilfe Ihrer sogenannten Autoritäten in Frage stellen. Sie haben nur nicht die Charakterstärke, das zu tun, denn Sie verlassen sich auf die Gita und nicht auf sich selbst. Deshalb werden Sie niemals imstande sein, das zu tun. Wenn Sie den Mut dazu haben, dann sind Sie der einzige Mensch, der nachweisen kann, daß das, was ich sage, falsch ist. Ein großer Weiser wie Gowdapada [2] könnte es tun, aber der ist nicht hier. Sie wiederholen lediglich, was Gowdapada und andere bereits gesagt haben. Was Sie selbst betrifft, so ist das eine wertlose Aussage. Wenn hier ein lebender Gowdapada sitzen würde, so wäre wohl imstande, das, was ich sage, zu verwerfen, aber Sie können das nicht. Flüchten Sie sich also nicht in sinnlose Verallgemeinerungen. Sie müssen schon den Schneid dazu haben, was ich sage, von sich aus zu widerlegen. Sie können dem nur insofern zustimmen oder es ablehnen, wie es Ihnen irgendein Witzbold einmal beigebracht hat. Aber das ist nicht die richtige Art, damit umzugehen.

Ich weise nur darauf hin, daß es keine Lösungen gibt, sondern nur Probleme. Wenn andere dasselbe gesagt haben wie ich, warum und suchen Sie dann hier nach Lösungen und stellen diese Fragen? Vergessen Sie die große Masse; ich spreche von Ihnen. Sie suchen lediglich nach neuen, besseren Methoden. Ich werde Ihnen nicht helfen. Ich sage: „Kümmern Sie sich nicht um Lösungen; versuchen Sie herauszufinden, was das Problem ist.“ Das Problem ist die Lösung; Ihr Problem kann einfach nicht gelöst werden. Warum zum Teufel suchen Sie nach einer weiteren Lösung? Kommen Sie nicht zu mir, um Lösungen zu finden. Sie werden aus dem, was ich sage, eine neue Lösung machen, die dann Ihrer Liste von Lösungen hinzugefügt wird, die alle nutzlos sein werden, wenn es darauf ankommt, Ihre Probleme tatsächlich zu beheben.

Was ich sage, ist für mich wahr und wirksam. Wenn ich irgend etwas vorschlage, sei es nun direkt oder indirekt, so werden Sie es zu einer weiteren Methode oder Technik verdrehen. Ich würde mich selbst verfälschen, wenn ich irgendwelche Vorschläge dieser Art machen würde.

Wenn jemand sagt, es gäbe einen Ausweg, dann ist er kein ehrlicher Mensch. Er tut das zur eigenen Selbsterhöhung, dessen können Sie sicher sein. Er will ganz einfach ein Produkt vermarkten und hofft, Sie davon zu überzeugen, daß es den anderen auf dem Markt befindlichen Produkten überlegen ist. Wenn dann ein anderer Mann daherkommt und sagt, es gäbe keinen Ausweg, dann machen Sie auch daraus eine neue Methode. Das sind alles vergebliche Versuche, über Ihren eigenen Schatten zu springen. Und doch können Sie dort nicht bleiben, wo Sie sind. Das ist das Problem.

Aus all dem ziehen Sie nun unweigerlich den Schluß, daß die Situation hoffnungslos sei. In Wahrheit schaffen Sie diese Hoffnungslosigkeit erst, weil Sie nicht wirklich frei sein wollen von Angst, Neid, Eifersucht und Eigennutz. Deshalb haben Sie das Gefühl, daß Ihre Situation hoffnungslos sei. Die einzige Hoffnung liegt im Eigennutz, der Gier und dem Zorn und eben nicht in ihrem fiktiven Gegenteil, das heißt der Ausübung von Selbstlosigkeit, Großzügigkeit und Güte. Das eigentliche Problem, sagen wir z.B. die Selbstsucht, wird durch die Kultivierung ihres fiktiven Gegenteils, der sogenannten Selbstlosigkeit, nur verstärkt.

Es ist sinnlos und nutzlos, hier zu sitzen und diese Dinge zu diskutieren. Deshalb sage ich meinen Zuhörern immer: „Bitte verschwinden Sie!“ Was Sie wollen, können Sie anderswo bekommen, aber nicht hier. Gehen Sie in den Tempel, tun Sie Puja, wiederholen Sie Mantras, streuen Sie Asche auf Ihr Haupt. Irgendwann wird ein Kerl daherkommen und sagen: „Geben Sie mir Ihren Gehalt von einer Woche, und ich werde Ihnen einen besseren Mantra zum Wiederholen geben.“ Dann kommt ein anderer Typ des Wegs und sagt Ihnen, daß Sie dergleichen überhaupt nicht tun sollten, weil es nutzlos sei, und daß, was er sagen würde, viel revolutionärer ist. Er beschreibt ‘wahlloses Gewahrsein’, nimmt Ihr Geld und baut Schulen, Organisationen und tantrische Zentren.

Sie verdammen rücksichtslos alles, was die Menschen bis heute gesagt haben. Vielleicht werden auch Sie, wenn Ihre Zeit kommt, verdammt und für das, was Sie sagen, verurteilt werden.

Sie werden nie über mich urteilen können; Ihre Bindungen an die religiösen Autoritäten verbieten es, daß Sie überhaupt etwas in Frage stellen können, und schon gar nicht einen Mann wie mich. Ich bin mir dessen sicher, daß Sie mich niemals herausfordern können. Aus diesem Grund werden meine Aussagen für Sie unweigerlich eine instabile, neurotische Situation schaffen. Sie können, was ich sage, nicht akzeptieren, aber Sie sind auch nicht in der Lage, es abzulehnen. Wenn Sie nicht so ein dickes Fell besäßen, würden Sie gewiß in der Klapsmühle landen. Sie können einfach das, was ich sage, nicht in Frage stellen, und Sie werden es auch nicht tun; es stellt eine zu große Bedrohung dar. Es gibt nichts, was Ihre Verteidigungslinien durchdringen könnte; Gowdapada stellt die Handschuhe, die Bhagavad Gita ein gutsitzendes Jackett und das Brahmasutra [3] eine kugelsichere Weste. So sind Sie sicher, und das ist alles, woran Sie wirklich interessiert sind. Sie können das, was ich sage, solange nicht verurteilen, wie Sie sich auf das verlassen, was ein anderer zuvor gesagt hat.

Bitte sagen Sie nicht, daß es Tausende von Weisen und Sehern gäbe; es gibt nur einige wenige. Sie können Sie alle an den Fingern abzählen. Der Rest besteht bloß aus Technokraten. Der Heilige ist ein Technokrat. So wollen es die meisten Leute haben. Jetzt aber, mit der Entwicklung von Drogen und anderen Techniken, ist der Heilige entbehrlich geworden. Sie brauchen keinen Priester oder Heiligen mehr, der Sie in Meditation unterrichtet. Wenn Sie Ihr Denken kontrollieren wollen, nehmen Sie einfach eine Droge und vergessen es, wenn Sie das möchten. Wenn Sie nicht schlafen können, nehmen Sie ein Schlafmittel. Schlafen Sie für eine Weile, und wachen Sie dann auf. Es ist dasselbe.

Hören Sie nicht auf mich. Das wird nur eine unnötige Beunruhigung in Ihnen hervorrufen. Es wird die neurotische Situation, in der Sie ohnehin schon stecken, nur noch intensivieren. Da Sie die Gültigkeit von all diesem heiligen Zeug als erwiesen betrachten, es nie in Frage gestellt und noch viel weniger damit gebrochen haben, haben Sie nicht nur gelernt, damit zu leben, sondern auch, wie sich daraus Kapital schlagen läßt. Es ist eine Frage des Profits, nichts weiter.

Wenn dem so ist, warum hören Sie dann nicht auf zu reden?

Es nützt nichts, mich zu fragen, warum ich rede. Verkaufe oder verspreche ich Ihnen etwas? Ich biete Ihnen keinen Seelenfrieden an, oder? Sie kontern, indem Sie sagen, ich würde Ihnen Ihren kostbaren Seelenfrieden rauben. Es ist umgekehrt, ich singe mein eigen’ Lied, gehe meinen eigenen Weg, und Sie kommen daher und versuchen meinen Frieden zu stören.

Ich glaube, wenn es jemanden gibt, der uns helfen kann, sind Sie das.

Nein, Sir! Was ich auch täte, um zu helfen, würde nur Ihr Elend vergrößern. Indem Sie mir weiterhin zuhören, häufen Sie nur neue Leiden auf die, die Sie schon haben. In diesem Sinn bringt Ihnen unsere Diskussion überhaupt nichts Gutes. Sie scheinen nicht zu erkennen, daß Sie hier mit dem Feuer spielen. Wenn Sie wirklich hier und jetzt Moksha wollen, können Sie es haben. Sehen Sie, Sie sind Wut, Selbstsucht und all diese Dinge; wenn sie vergehen, vergehen auch Sie. Es ist ein physikalisches Vergehen - nicht im Abstrakten, sondern ein wirklicher, physischer Tod.

Sie sagen, daß es jetzt geschehen kann? Andere haben gesagt...

Ich schere mich nicht im geringsten um das, was andere gesagt haben. Es kann jetzt geschehen, Sie wollen es ganz einfach nicht. Sie würden nicht daran rühren wollen. Wenn der Zorn und die Selbstsucht, die Sie sind, vergehen, ist Moksha jetzt, und nicht morgen. Ihr eigener Zorn wird Sie verbrennen, nicht der Elektroheizer. Also haben die Geistlichen die Selbstlosigkeit erfunden. Wenn diese Selbstlosigkeit geht, gehen auch Sie. Wenn Sie sich also von einem dieser Dinge wie Habgier, Selbstsucht etc. befreien, bedeutet das, daß Sie, so wie Sie sich kennen und erleben, jetzt an Ihr Ende gelangen. Bitte, in Ihrem Interesse und aus Mitleid sage ich Ihnen, daß das nichts ist, was Sie haben wollen. Es ist nichts, was Sie veranlassen können, damit es geschieht. Es liegt überhaupt nicht in Ihren Händen. Es trifft denjenigen, wer immer das auch sei, den es erwählt. Sie spielen dabei überhaupt keine Rolle.

All diese Dichtungen und romantischen Ideen darüber, daß man sich ‘vom Gestern lossagen sollte’, wird weder Ihnen noch sonst jemandem helfen. Das wird zu gar nicht führen. Die Leute mögen sich auf ein Podium stellen, um sich über dieses Thema auszulassen, aber sie selbst wollen nichts damit zu tun haben. Es sind nur Worte. Schließlich geben sie sich mit den Tempeln, Mantras und Schriften zufrieden. Es ist alles zu absurd und kindisch.

Wie können wir das denn für uns selbst entdecken, anstatt nur die Worte dieser sogenannten Experten zu wiederholen?

Sie müssen das Leben tatsächlich an einem Punkt berühren, an dem es noch nie jemand zuvor berührt hat. Das kann Sie niemand lehren. Solange Sie damit fortfahren, das zu wiederholen, was die anderen bereits gesagt haben, sind Sie verloren, und es kann nichts Gutes dabei herauskommen. Indem Sie dem zuhören, was andere gesagt haben und es glauben, werden Sie es nicht für sich selbst herausfinden können, und eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Sie sagen also, daß wir von unserem Glauben loskommen müßten, daß...

Geben Sie sich keine Mühe, Sie werden nur den einen Glauben durch einen anderen ersetzen. Sie sind nichts als Glaube, und wenn der stirbt, dann sind Sie tot. Was ich Ihnen sagen möchte, ist das: Versuchen Sie nicht, frei von Selbstsucht, Gier, Zorn, Neid, Verlangen und Angst zu sein. Sie werden nur das Gegenteil davon hervorrufen, und das ist unglücklicherweise fiktiv. Wenn das Verlangen und die Sehnsucht stirbt, sterben auch Sie. Der schwarze Wagen kommt und karrt Sie weg, und das war’s! Selbst wenn Sie solch einen Schock durch irgendein Wunder überleben sollten, es wird Ihnen nichts nützen, und den andern auch nicht. 

Sie ziehen es vor, mit den Dingen zu spielen und absurde Fragen zu stellen, wie: „Was wird mit meinem Körper nach dem Tode geschehen? Wird mein Körper stark genug sein, um das verkraften zu können?“ Wovon, zum Teufel, sprechen Sie denn? Sie fragen mich, was geschehen wird, wenn Sie den elektrischen Draht dort berühren. Solch sinnlose Fragen stellen Sie. Sie sind nicht wirklich interessiert. Vielleicht werden Sie, nachdem Sie den Draht angefaßt haben, völlig verschmoren und müssen daraufhin weggeworfen werden. Vielleicht werden die andern selber einen Schlag bekommen, wenn sie Sie berühren, und Sie werden zu einem Unberührbaren werden!

Beachten Sie, was in meinen Worten impliziert ist. Wenn Sie den Mut haben, das Leben zum ersten Mal anzufassen, werden Sie niemals wissen, was Sie getroffen hat. Alles, was die Menschen gelehrt, gefühlt und erlebt haben, ist verschwunden, und nichts tritt an seine Stelle. Der Mensch, den es getroffen hat, wird kraft seiner Befreiung von Vergangenheit und Kultur zur lebendigen Autorität, und er wird das solange bleiben, bis ein anderer kommt und es vehement attackiert, weil er das für sich selbst herausgefunden hat. Bis Sie den Mut aufbringen, mich, alles, was ich sage und all die Gurus in der Luft zu zerreißen, werden Sie Anhänger eines Kultes mit Photographien, Ritualen, Geburtstagsfeiern und allem, was dazugehört, bleiben.

Es tut mir leid. Ich singe mein Lied und gehe.

Aber wir sind verloren. Wir brauchen Gurus, Sadhana, und die Schriften zur Führung.

Sie können zu Ihren Gurus zurückgehen. Tun Sie, was Sie wollen. Das, von dem ich spreche, geschieht dem Glücklichen. Wenn Sie Glück haben, haben Sie Glück. Das ist alles. Ich habe nichts damit zu tun. Es liegt in niemandes Händen.

Glück oder Unglück, unsere Tradition sagt uns, daß das Leben vergänglich ist, daß alles fließt, daß...

Das ist die Tradition Indiens, die ich meine - nämlich Veränderung, und nicht die Tradition, von der Sie sprechen, denn die besteht aus - keiner Veränderung. Ihr ganzes Leben ist ein Verleugnen der Realität des Wandels. Sie wollen nur irgendwie weitermachen, dann wieder auferstehen, nur um weiterzumachen. Das ist nicht die große Tradition Indiens, von der ich spreche. Sie glauben, Sie würden eine tiefschürfende Frage stellen, wenn Sie wissen wollen: „Was ist der Tod?“ Sie erlauben es sich, Gowdapadas Frage vor der grundsätzlicheren Frage „Bin ich geboren?“ zu stellen. Anstatt zu versuchen, sich selbst um die Beantwortung dieser grundsätzlichen Frage zu bemühen, zitieren Sie Gowdapada und schreiben Kommentare über ihn, um es sich dann ganz leicht zu machen und einfach das, was er gesagt hat mit dem, was ich sage, zu vergleichen. So vermeiden Sie Ihre eigene Verantwortlichkeit.

Sie können sowieso nichts anderes tun, als über Tod und Reinkarnation zu spekulieren. Nur tote Leute fragen nach dem Tod. Jene, die wirklich leben, würden niemals eine solche Frage stellen. Dieses Gedächtnis in Ihnen - das tot ist - will wissen, ob es selbst dann weitermachen kann, wenn das eingetreten ist, von dem es sich vorstellt, daß es der Tod sei. Deshalb stellt es so törichte Fragen. Der Tod ist die Finalität; Sie sind nur einmal tot. Wenn diese Fragen und Vorstellungen, die Sie haben, einmal gestorben sind, dann werden Sie niemals wieder Fragen über den Tod stellen.

 Sie entreißen mir alles, und plötzlich erkenne ich, daß ich mich selbst aufmachen muß, daß mir niemand helfen kann.

Sind Sie sicher, daß Ihnen niemand helfen kann? Sie sind sich nicht so sicher. Also bedeutet Ihre Aussage gar nichts. Sie werden weiterhin Hoffnungen hegen. Selbst wenn Sie für einen Augenblick annehmen, daß Ihnen keine von außen kommende Kraft helfen kann, so sind Sie doch immer noch davon überzeugt, daß Sie sich selbst helfen können. Das macht Ihnen große Hoffnung, und die Hoffnung ist immer darauf gerichtet, etwas zu erreichen. Also sollten Sie, anstatt Ihre Zeit mit der Frage zu verschwenden, ob es jemanden gibt, der Ihnen dabei helfen kann, das zu bekommen, was Sie haben wollen, lieber fragen: „Gibt es eigentlich etwas, das es zu Erreichen gilt?“ Es kommt nicht darauf an, ob Sie es selbst tun oder ob es ein anderer ist, der Ihnen dabei hilft, es zu erlangen. Es kommt darauf an, daß Sie suchen. Das ist klar. Aber wonach suchen Sie? Zweifellos suchen Sie nach etwas, das Sie schon kennen. Es ist unmöglich, nach etwas zu suchen, das Sie nicht kennen. Sie suchen, und finden, was Sie kennen. Es ist schwierig für Sie, sich dieser simplen Tatsache zu stellen.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich stelle keine Fragen, indem ich eine Art sokratisches Ratespiel spiele. Ich bin nicht hier, um Ihnen irgendwelche neue Methoden und neue Techniken anzubieten oder sonstige Spielereien vorzuschlagen, mit denen Sie Ihr Ziel erreichen können. Wenn andere Systeme, Techniken und Tricks Ihnen bisher nicht geholfen haben, Ihr Ziel zu erreichen, und wenn Sie sich hier nach ein paar neueren, besseren Methoden umsehen, dann, so fürchte ich, werde ich für Sie keine Hilfe sein. Wenn Sie meinen, daß Ihnen ein anderer helfen kann, dann wünsche ich Ihnen viel Glück. Aber die Lektionen, die mir durch meine eigenen Erfahrungen zuteil wurden, zwingen mich dazu, dem Reisenden die Worte mitzugeben. „Sie werden erkennen, daß Sie nirgendwohin gelangen werden.“

Ich bin mir der Nutzlosigkeit dessen, sich inneren oder äußeren Quellen zuzuwenden, um Hilfe zu bekommen, gewiß. Mir ist klar, daß man absolut hilflos sein muß und sich nirgendwohin mehr wenden kann, um es selbst herausfinden zu können. Unglücklicherweise kann diese Gewißheit niemand anderem vermittelt werden. Die Gewißheit, die ich habe, besteht ganz einfach darin, daß das Ziel, das Sie erfunden haben, für Ihre Suche verantwortlich ist. Solange das Ziel besteht, solange wird die Suche danach andauern. Wenn Sie sagen: „Ich weiß wirklich nicht, wonach ich suche,“ so ist das nicht wahr. Also, was ist es, wonach Sie suchen? Das ist bei weitem die wichtigste Frage, die Sie sich stellen sollten.

Wenn Sie genau hinschauen, dann werden Sie erkennen, daß das, was Sie wollen (abgesehen von Ihren natürlichen physischen Bedürfnissen), aus dem entstanden ist, was Ihnen gesagt wurde, was Sie gelesen haben und was Sie selbst erlebt haben. Die physischen Erfordernisse sind offensichtlich und leicht zu verstehen. Aber dieses spezielle Bedürfnis - das Objekt Ihrer Suche - ist etwas, das aus Ihrem eigenen Denken entstanden ist, das seinerseits auf dem Wissen beruht, das Sie aus verschiedenen Quellen zusammengetragen haben.

Wenn das alles stimmt, was Sie sagen, dann sind wir in der Tat schlecht dran. Wir sind nicht in der Lage Ihre Aussagen anzunehmen oder zurückzuweisen. Warum sprechen Sie eigentlich noch mit uns? Welchen Sinn könnte das haben?

Dieser Dialog mit Ihnen hat überhaupt keinen Sinn. Ihre Frage, warum zum Teufel ich denn spreche, ist durchaus berechtigt. Ich versichere Ihnen nachdrücklich, daß es in meinem Fall bestimmt nicht dem Zwecke der Selbstverwirklichung dient. Meine Motivation mit Ihnen zu sprechen, ist eine ganz andere, als Sie es annehmen. Es ist nicht so, daß ich erpicht darauf wäre, Ihnen etwas verständlich zu machen oder daß ich glaubte, ich müsse Ihnen helfen. Überhaupt nicht. Mein Motiv ist direkt und temporär: Sie kommen, um etwas zu verstehen, während ich nur daran interessiert bin, es ganz deutlich zu machen, daß es nichts zu verstehen gibt.

Solange Sie verstehen wollen, wird es diese unangemessene Beziehung zwischen zwei Individuen geben. Ich betone immer wieder, daß Ihnen die Wahrheit dessen aufgehen muß, daß es nichts zu verstehen gibt. Solange Sie denken, akzeptieren oder glauben, daß es etwas zu verstehen gäbe und dieses Verstehen als ein Ziel vor sich aufbauen, das zu erreichen Suche und Kampf erfordert, sind Sie verloren und werden sich quälen.

Es sind nur ein paar Dinge, die ich zu sagen habe, und die wiederhole ich immer und immer wieder. Für mich gibt es, außer den praktischen Fragen des tagtäglichen Funktionierens auf dieser Welt, keine weiteren Fragen. Sie dagegen haben viele, viele Fragen. Diese Fragen entstammen alle derselben Quelle: Ihrem Wissen. Es liegt einfach nicht in der Natur der Dinge, daß es möglich wäre, eine Frage zu haben, ohne die Antwort hierauf bereits zu kennen. Demnach ist kein sinnvoller Dialog möglich, wenn Sie sich selbst oder mir Fragen stellen, weil Sie sich schon eine Meinung gebildet haben und die Antworten schon kennen. Also ist eine Kommunikation zwischen uns unmöglich; welchen Sinn sollte es also haben, weiterhin irgendwelche Dialoge zu führen?

Es besteht die faktische Notwendigkeit, von den Antworten selbst frei zu sein. Die Suche ist gegenstandslos, da sie auf Fragen basiert, die ihrerseits auf falschem Wissen begründet sind. Ihr Wissen hat Sie nicht von Ihren Problemen befreit. Ihr Dilemma besteht darin, daß Sie nach Antworten auf solche Fragen suchen, deren Antworten Sie bereits kennen. Das läßt Sie neurotisch werden. Wenn die Fragen, die Sie haben, tatsächlich lösbar wären, dann würde sich eine solche Frage selbst in die Luft jagen. Weil alle Fragen lediglich Variationen derselben Frage sind, bedeutet die Auslöschung der einen die Auslöschung aller Fragen. Freiheit besteht also nicht im Finden der Antworten, sondern in der Auflösung aller Fragen. Unglücklicherweise sind Sie an dieser Art von Problemlösung aber nicht im geringsten interessiert.

Was Sie und andere für die Antworten halten, kann Ihnen überhaupt nicht helfen. Es ist wirklich ganz einfach: wenn die Antwort stimmt, dann verschwindet die Frage. Ich habe keinerlei Fragen. Mir kommt niemals eine Frage in den Sinn. Alle meine Fragen, die sich in eine große Frage umgewandelt hatten, sind ganz und gar verschwunden. Der Fragesteller hatte einfach erkannt, daß es sinnlos sei, weiterhin Fragen zu stellen, deren Antworten er schon kannte. Sie haben törichterweise diese Suche als Antwort auf Ihre Fragen geschaffen, die ihrerseits aus dem Wissen gebildet wurden, das Sie angesammelt haben. Die Fragen, die Sie formulieren, sind aus den Anworten geschaffen worden, die Sie schon haben. Was also ist Ihr Ziel? Darüber müssen Sie sich voll und ganz im klaren sein, denn sonst hat es keinen Zweck, weiterzumachen. Es wird zu einem Spiel, einem sinnlosen Ritual.

Was wollen Sie haben? Es gibt immer jemanden, der Ihnen für einen bestimmten Preis dabei hilft, das zu bekommen, was Sie haben wollen. Sie haben Ihr Leben törichterweise in höhere und niedere Ziele eingeteilt, in materielle und spirituelle Wege. Mit beiden sind große Kämpfe, Schmerzen und Anstrengungen verbunden. Ich dagegen sage, daß es überhaupt keine spirituellen Ziele gibt; sie sind einfach die Ausdehnung materieller Ziele auf ein Gebiet, von dem Sie sich vorstellen, daß es eine höhere, erhabenere Ebene sei. Sie nehmen irrtümlich an, daß Sie dadurch, daß Sie ein spirituelles Ziel anstreben, auf wundersame Weise auch Ihre materiellen Ziele einfach und durchführbar machen könnten. Das ist in Wirklichkeit nicht möglich. Sie mögen glauben, daß nur minderwertige Menschen materielle Ziele anstreben und daß materielle Errungenschaften langweilig seien. Aber tatsächlich sind die spirituellen Ziele, die Sie vor sich aufgerichtet haben, genau dasselbe. Sie selbst sind Ihre Suche, und es wird Ihnen nicht helfen, zu glauben, daß Sie das verstanden hätten und frei davon seien. Wenn Sie nicht hierher kommen, dann werden Sie auf der Suche nach Antworten woanders hin gehen.

Um die Realität zu entdecken, von der Sie sprechen, bedarf es einer wirklichen Beziehung und einer offenen Kommunikation mit anderen, nicht wahr?

Keineswegs, Sir! Ein Dialog bedeutet gar nichts. Ebensowenig hat eine Unterhaltung einen Sinn. Was zum Teufel tun wir denn? Glauben Sie, ich rede deshalb mit den Menschen, um irgendeine Rechtfertigung zu haben? Glauben Sie, ich würde mich Illusionen darüber hingeben, daß ich mit Ihnen wirklich kommunizieren könnte? Solche Illusionen habe ich nicht. Allein die Tatsache, daß Sie hierher zurückgekommen sind, um zu reden und zu diskutieren, zeigt, daß Sie nichts von dem, was ich sage, gehört haben. Wenn es einmal verstanden wird, dann ist das Ganze für alle Zeiten für Sie erledigt. Sie werden keine Gurus besuchen, keine Bücher mehr lesen oder irgend jemandem zuhören. Sie werden nicht wie blöde das wiederholen, was andere gesagt haben, insbesondere nicht die Aussagen der Geistlichen, Heiligen und Erretter. All das wird aus Ihrem Organismus getilgt, und Sie werden nie mehr imstande sein, irgend jemandem zu folgen oder zuzuhören, nicht einmal einem Gott, der auf Erden wandelt, oder sogar einer Million Götter in einem vereint. Welchen Wert hat es auch, wenn jemand eine Milliarde Dollars hat und Sie nicht wissen, wo Ihre nächste Mahlzeit herkommen soll? Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Das Wichtige ist: Was wollen Sie? Bitte, vergessen Sie Ihre Bhagavans. Sitzen Sie nicht hier und wiederholen Sie, was Sie von Ihren Gurus gehört haben, das ist nutzlos.

 Wenn Sie einmal Ihre Hoffnung, Ihren Glauben und Ihr Vertrauen in einen Guru gesetzt haben, dann sind Sie ihm verpflichtet.

Praktisch alle Gurus, zumindest die aus dem Osten, haben auf die Notwendigkeit hingewiesen, sich von seiner Konditionierung, seiner Vergangenheit zu befreien.

Solange Sie etwas haben wollen, wird die Vergangenheit immer dabei sein. Selbst wenn Sie sich bemühen, Ihre Wünsche zu unterdrücken, muß Ihnen die Vergangenheit zur Hilfe kommen und Ihnen sagen, wie Sie Ihre Wünsche unterdrücken sollen. Sie glauben, daß Sie frei sein werden, Ihre sogenannten höheren spirituellen Bedürfnisse zu kultivieren, wenn Sie Ihre sogenannten materiellen Bedürfnisse unterdrücken. Solch eine Differenzierung von Bedürfnissen gibt es nicht; sie sind alle genau das gleiche. In der indischen Kultur werden die spirituellen Wunschvorstellungen angepriesen und gesucht, im Westen sind die materiellen vorherrschend.

Wenn das Wollen aufhört, und sei es auch nur für einen Augenblick, gibt es kein Denken mehr, und was bleibt, ist die einfache Angelegenheit, für die körperlichen Bedürfnisse Sorge zu tragen - Essen, Kleidung und Unterkunft. Es ist eine törichte, pervertierte Art zu leben, wenn man eine Art verdrehter Selbstverleugnung praktiziert und es dabei versäumt, für die tatsächlichen körperlichen Bedürfnisse Sorge zu tragen.

Aber die Schlüsselfrage bleibt doch: Wie macht man das, nicht zu wollen?

Wiederum fragen Sie ‘Wie’ und gehen damit am Thema vorbei. Es gibt überhaupt kein ‘Wie’. ‘Wie’ ist die tückischste Frage, denn wenn Sie die stellen, sind Sie verloren. „Wie soll man leben?“ Mit dieser Frage plagen die Menschen sich seit Jahrhunderten herum. Die Religionen erheben den Anspruch, eine befriedigende Antwort darauf zu haben. Jeder Lehrer behauptet, er wüßte, wie. Er wird es Ihnen gerne zeigen, gegen Gebühr natürlich. „Wie soll man sein Leben leben?“ Das ist die eine Frage, die sich in eine Million Fragen umgeformt hat.

Wenn man einmal die Frage beiseite läßt, wie man sich von dem ständigen Wollen befreien kann, so scheint aus dem, was Sie sagen, hervorzugehen, daß man sich zunächst vom Einfluß der Vergangenheit, seinem Gedächtnis, befreien muß. Stimmt das?

Wenn Sie wirklich die Vergangenheit dadurch unterdrücken wollen, daß Sie versuchen, in dem zu leben, was Sie die ‘Gegenwart’ nennen, dann werden Sie sich selbst verrückt machen. Sie versuchen etwas zu kontrollieren, über das Sie keine Kontrolle haben. Es ist einfach nicht möglich, die Gedanken zu kontrollieren, ohne neurotisch zu werden, denn es ist nicht nur Ihre persönliche kleine, unbedeutende Vergangenheit, die dem im Wege steht, sondern die gesamte Vergangenheit der Menschheit, das gesamte Gedächtnis jedes menschlichen Wesens, jeder Lebens- und Existenzform. Das ist nichts, was sich so leicht und einfach tun ließe. Wenn Sie versuchen, den natürlichen Lauf des Flusses durch all diese künstlichen Mittel aufzuhalten - wenn Sie sozusagen einen Damm bauen - dann werden Sie alles überschwemmen und zerstören. Deshalb fühlen Sie ständig Gedanken in sich aufsteigen, trotz Ihrer Anstrengungen, sie zu kontrollieren, zu beobachten und sich ihrer gewahr zu werden. Ist das einmal verstanden, dann interessiert es Sie nicht mehr, ob da nun Gedanken vorhanden sind oder nicht. Wenn es tatsächlich nötig wird, daß das Denken in Funktion tritt, dann ist es auch da; wenn es nicht nötig ist, daß das Denken funktioniert, ist es nicht da. Die ständige Nutzbarmachung des Denkens, die Sie betreiben und die dazu dienen soll, Ihrem trennenden Selbst Kontinuität zu verleihen, das sind Sie. In Ihnen ist sonst nichts. Was Sie das ‘Ich’ nennen, ist nichts anderes als die Kontinuität des Denkens. Wenn diese künstliche Kontinuität nicht vorhanden ist, sind Sie es auch nicht. Das ‘Ich’ möchte nur auf einer anderen, ‘höheren’ Ebene wirksam sein, um nicht an ein Ende zu stoßen. Sie möchten transformiert, etwas anderes werden und gleichzeitig weitermachen. Die einzige Möglichkeit, wie das Selbst das tun kann, besteht darin, den Erfahrungen, die es bereits angehäuft hat, ständig weitere hinzuzufügen.

Wie geht dieser Anhäufungsprozeß vonstatten?

Die einzige Möglichkeit, wie das Selbst immer mehr Wissen und Erfahrungen heranschaffen kann, besteht darin, sich unaufhörlich die sinnlose Frage zu stellen: „Wie? Wie soll ich leben?“ Wenn Ihnen jemand sagt, daß die Kontinuität des Wissens und der Erfahrung aufhören müsse, fragen Sie: „Wie?“ und stecken schon wieder in derselben Falle. Sie fragen lediglich nach der gleichen Art von Wissen.

Wir wollen doch nur etwas über die Erleuchtung erfahren, wenn das möglich ist...

Sie wollen wissen, ob es Erleuchtung gibt oder nicht, wer sie hat und wie man sie bekommen kann. Sie sind neugierig, wie ein Mensch, der angeblich erleuchtet ist, sich benimmt, welcherart seine Verhaltensmuster sind und so weiter. Anscheinend wissen Sie eine Menge über die Erleuchtung. Das müssen Sie auch, denn Sie suchen ja danach.

Wir sind nicht alle so naiv anzunehmen, daß wir direkt nach Gott, Erleuchtung oder Nirvana suchen könnten. Wir akzeptieren die illusionäre Natur dieser Ziele durchaus. Aber wir suchen nach mehr greifbaren und praktischen Dingen wie...

Die Menschen suchen nach Erleuchtung. Sie sagen, Sie täten das nicht, aber es ist dasselbe. Ob Sie ein neues Auto oder innere Ruhe haben wollen, so beinhaltet doch beides eine schmerzhafte Suche. Die weltlichen Führer geben Ihnen eine Richtung vor, die Geistlichen eine andere. Es gibt da keinen Unterschied: solange Sie nach innerer Ruhe suchen, werden Sie sich selbst quälen. Ob Sie versuchen, nicht zu suchen oder ob Sie damit fortfahren zu suchen, Sie werden doch derselbe bleiben. Sie müssen aufhören. Sie hören nicht auf zu suchen, weil eine solcher Schritt Ihr Ende bedeuten würde.

Sie haben sich in einem Dschungel verirrt, und Sie haben keine Möglichkeit, dort wieder herauszufinden. Es wird schon Nacht, es gibt wilde Tiere, auch Kobras, und Sie kennen den Weg immer noch nicht. Was tun Sie in einer solchen Situation? Sie bleiben einfach stehen. Sie bewegen sich nicht...

Wir können uns doch niemals absolut sicher sein, ob es nicht doch einen Ausweg gibt, wie unwahrscheinlich oder phantastisch er auch sein mag...

Solange Sie diese Hoffnung haben, daß Sie irgendwie aus dem Dschungel herauskommen könnten, solange werden Sie mit dem fortfahren, was Sie jetzt tun - suchen - und solange werden Sie sich verloren fühlen. Sie haben sich nur deshalb verirrt, weil Sie suchen. Es gibt keine Möglichkeit für Sie, einen Weg aus dem Dschungel zu finden.

Wenn man also einfach aufhören könnte...

Nein, darum geht es überhaupt nicht. Sie warten immer noch darauf, daß etwas passiert. Diese Erwartungshaltung ist Teil des Problems. Sie ist der Grund, warum Sie sich mit diesen Fragen beschäftigen. Ihre Erwartungen sind Teil des Verlangens, alles zu ändern. Gar nichts muß geändert werden; Sie müssen das Leben so akzeptieren, wie es ist. Durch ‘Wandlung’ hoffen und erwarten Sie, wiedergeboren zu werden. Wofür denn, zum Teufel? Dieses Leben ist genug. In diesem Leben gibt es keinen Frieden und keinen Mangel an Unglücklichsein, also warten Sie auf Ihr nächstes Leben, um glücklich zu werden. Das lohnt sich nicht. Es ist sehr gut möglich, daß Sie nicht wiedergeboren werden; schließlich ist das nur eine hoffnungsvolle Theorie, die Sie da haben. Sie könnten aber vielleicht herausfinden, ob es möglich ist, jetzt mit sich selbst in Frieden zu leben.

Aber all unsere Bestrebungen, seien sie nun materieller oder spiritueller Art, scheinen von unseren Gesellschaftsformen definiert und festgelegt zu sein, die ebenso korrupt sind wie wir selbst. Und doch muß ich innerhalb der Grenzen leben und kämpfen, die die Gesellschaft um mich herum errichtet hat. Mein Leben wird nicht nur von meinen persönlichen Zielen und Eigenschaften bestimmt, sondern auch von dem, was meine Gesellschaft mir zu tun gestattet, das heißt, von den tatsächlichen Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen.

Sie wollen so viele Dinge, und ich bin nicht in der Lage, Ihnen dabei zu helfen, auch nur eines davon zu bekommen. Sie sind sich nicht darüber im klaren, was Sie wirklich wollen. Wenn Sie, einmal klar erkannt haben, was Sie wollen, dann müssen Sie herausfinden, wie Sie es bekommen können. Entweder bekommen Sie es dann, oder eben nicht. Also sparen Sie sich die Mühe, Ihre Ziele in erhabene und niedrige aufzuteilen. Das machen Sie schon Ihr ganzes Leben lang, und Sie hatten niemals Erfolg damit.

Nicht nur ich, sondern jeder, den ich kenne, scheint in dieser Falle des endlosen Suchens und Kämpfens gefangen zu sein. Wir müssen uns doch zusammensetzen und uns gegenseitig darüber austauschen, oder etwa nicht?

Wie ich schon sagte, gebe ich mich bezüglich der Möglichkeiten für eine Kommunikation keinerlei Illusionen hin. Sie können Ihre Erfahrungen mit niemandem teilen oder austauschen, denn Sie funktionieren auf eine Weise, in der jeder Einzelne in einer vom anderen getrennten Welt lebt; Sie leben in verschiedenen Welten, die keinen gemeinsamen Bezugspunkt haben, und Sie stellen es sich nur so vor, daß Sie sich jemals mit anderen austauschen könnten. Es ist einfach nicht möglich.

Ich kann es Ihnen nicht vermitteln, und Sie können es nicht verstehen, weil Sie über keinen Bezugspunkt verfügen hinsichtlich dessen, was ich sage. Wenn Sie das einmal verstanden haben, daß es nichts zu verstehen gibt, was gibt es dann noch mitzuteilen? Kommunikation ist einfach nicht nötig. Also liegt auch kein Sinn darin, die Möglichkeit der Kommunikation zu diskutieren. Ihr Wunsch danach, sich mit jemandem auszutauschen, ist Teil Ihrer generellen Erfolgsstrategie. Hinter diesem Wunsch nach Kommunikation verbirgt sich die Abhängigkeit von irgendeiner äußeren Macht, die Ihre Probleme für Sie lösen soll. Abgesehen von dem Bedürfnis nach praktischem Gedankenaustausch, das ganz natürlich ist und dazu dient, in dieser Welt zu funktionieren, ist Ihr Interesse an der Kommunikation in Wirklichkeit jedoch lediglich Ausdruck Ihres Gefühls von Hilflosigkeit und der Hoffnung auf eine von außen kommenden Unterstützung. Ihre Hilflosigkeit dauert deshalb an, weil Sie sich auf Hilfe von außen verlassen. Wenn keine Abhängigkeit von einer äußeren Hilfe besteht, sei sie nun imaginär oder nicht, dann gibt es auch kein Gefühl der Hilflosigkeit und keinen Wunsch danach, im Abstrakten zu kommunizieren. Wenn das eine verschwindet, muß auch das andere gehen. Ihre Situation und Ihre Aussichten erscheinen Ihnen nur deshalb hoffnungslos, weil Sie sich Vorstellungen von Hoffnung machen. Schlagen Sie sich die Hoffnung aus dem Kopf, und diese lähmenden Gefühle der Hilflosigkeit werden mit ihr verschwinden. Die Hilflosigkeit und die überwältigende Frustration werden zwangsläufig solange bestehen bleiben, wie Sie im Verhältnis mit der Hoffnung auf Erfüllung existieren, denn es gibt überhaupt keine Erfüllung. Das ist die Ursache Ihres Dilemmas.

Das alles ist einfach zu viel, um es gleich verstehen zu können und entsprechend zu handeln. Vielleicht werde ich irgendwann in der Zukunft dazu imstande sein...

Die Zukunft wird von der Hoffnung geschaffen. Das ist die einzige Zukunft, die es gibt. Die Hoffnung, Ihr Ziel zu erreichen, die Hoffnung, Erleuchtung zu erlangen, die Hoffnung, irgendwie aus dem Ringelspiel herauszukommen - das ist die Zukunft. Der Punkt, von dem aus Sie sich in die Zukunft projizieren, scheint Ihnen die Gegenwart, das Jetzt, zu sein. Aber dem ist nicht so. Es ist nur die Vergangenheit, die wirksam ist, und diese Bewegung schafft die Illusion der Gegenwart und der Zukunft. Sie mögen das, was ich hier sage, logisch oder unlogisch finden, Sie können es akzeptieren oder ablehnen. Es wird aber in jedem Falle die Vergangenheit sein, die das macht, denn nur die ist in Ihnen wirksam. Es ist die Vergangenheit, die diese Ziele projiziert hat - Gott, Erleuchtung, Seelenfrieden, was auch immer - und die sie in die Zukunft verlegt hat, und damit außer Reichweite. Also ist das Glück immer in der Zukunft, morgen. Ein glücklicher Mensch wäre nicht daran interessiert, nach dem Glück zu suchen. Ein wohlgenährter Mensch sucht nicht nach Nahrung.

Sicherlich kann ein wirkliches Verstehen, dessen wir alle mehr oder weniger fähig sind, nicht in der Zukunft stattfinden, sondern jetzt, in der Gegenwart.

Es gibt nur die Vergangenheit. Ihnen wurde von den heiligen Männern, die von Erleuchtung und solchem Unsinn reden, gesagt, daß die Vergangenheit aufhören müsse, bevor Sie frei würden, um in der ‘Gegenwart’ zu leben und so Ihre Potentiale und künftigen Möglichkeiten realisieren können. Das bestreite ich.

Zunächst einmal, warum sollten Sie denn ein Interesse daran haben, die Vergangenheit davon abhalten zu wollen, störend auf die Gegenwart einzuwirken? Seien Sie sich darüber im klaren, daß diese Idee, die Vergangenheit müsse sterben und die Zeit aufhören, durch jene selbsternannten Wächter Ihrer sogenannten Seele in Sie hineingelegt wurde - von den Priestern, Geistlichen und Errettern der Menschheit. Das ist keineswegs Ihre eigene Idee. Es muß Ihnen ebenso klar sein, was für Implikationen es mit sich bringt, wenn der Einfluß der Vergangenheit endet; das ist wirklich eine gefährliche und verhängnisvolle Angelegenheit. In Ihrer Suche danach, das Ende der Zeit, der Vergangenheit, zu finden, müssen Sie sich der Vergangenheit bedienen. Somit wird es Ihnen nur gelingen, die Vergangenheit fortbestehen zu lassen. Dies ist eine Tatsache, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Alles, was Sie tun - freundlichere Gedanken zu hegen, sich selbstlos zu verhalten, sich dem Leben mit einer positiven anstelle einer negativen Einstellung zu nähern, den heiligen Männern zuzuhören, mir zuzuhören - fügt der Vergangenheit nur neue Impulse hinzu. All diese Techniken und Erfolgsmethoden, die Ihnen zur Verfügung stehen, kommen aus der Vergangenheit und sind daher nutzlos. Glücklicherweise gibt es absolut nichts, das zu erreichen wäre.

Ja, aber ich glaube, daß die meisten von uns erkennen, daß wirkliches Glück ein Nebenprodukt von etwas anderem ist und daß man das Glück an sich nicht erlangen kann.

Ihre gegenwärtige Annäherung an das Glück gründet sich auf Eigeninteresse und Naivität. Sie sind allzeit ein Vergnügungssuchender, und Ihr Ideal des größten Glücks ist daher einfach eines des nichtendenwollenden Vergnügens unter Ausschluß jeglichen Leids. Falls Sie die Absurdität einer solchen Vorgehensweise überhaupt wahrnehmen können, dann sagen Sie: „Wenn ich Gott oder Erleuchtung finden könnte, dann wäre ich von dem widersprüchlichen Begehren frei, das eine (Vergnügen) ohne das andere (Leid) haben zu wollen.“ Also wird dies nun zu Ihrem Ziel erhoben, das zu erreichen noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Sie sind wieder da, wo Sie angefangen haben.

Es ist lächerlich und entbehrt jeglicher Grundlage, zu fordern, die Kontinuität des Zeitmaßes der Vergangenheit möge aufhören. Wir sind von diesen Leuten einer Gehirnwäsche unterworfen worden, um uns glauben zu machen, daß alles in Ordnung sei, wenn wir uns in diesem Leben von der Vergangenheit befreien und daß dann nur noch eitel Freude und Sonnenschein herrschten. Das ist alles romantischer Blödsinn, reine, unverfälschte Phantasie, und nichts weiter. Unglücklicherweise sind Sie darauf hereingefallen. Was können Sie denn schon tun? All Ihre Handlungen rühren aus der Vergangenheit her und sorgen dafür, daß Schmerz und Vergnügen Sie weiterhin fest im Griff haben. Am Ende gibt es nur den Schmerz und kein Vergnügen mehr. Das kann ich mit Sicherheit sagen; Sie jedoch sind immer noch vollkommen davon überzeugt, daß es einen zeitlosen Zustand gäbe, einen Ausweg. Daher ist es uns unmöglich, miteinander zu kommunizieren. Was ich sage, wird, wenn Sie ihm wirklich Gehör schenken, dem ein Ende setzen, als das Sie sich kennen und erleben. Sie hören mir überhaupt nicht zu; Ihr sogenanntes Zuhören findet in der Vergangenheit statt. Dadurch, daß alles, was gesagt wird, permanent durch die Vergangenheit interpretiert wird, werden Sie daran gehindert, dem zuzuhören, was gesagt wird.

Das einzige, was ich Ihnen wirklich garantieren kann, ist, daß Sie solange unglücklich bleiben werden, wie Sie nach Glück suchen. Das ist eine Tatsache. Die Gesellschaft ist so organisiert und so komplex, daß Sie, um zu überleben, gar nichts anderes tun können, als das Leben um Sie herum so zu akzeptieren, wie es eben organisiert ist, inklusive all der Begrenzungen, die uns allen dadurch auferlegt werden. Wir alle müssen die Realität der Gesellschaft akzeptieren, ob uns das gefällt oder nicht. Aber darüber reden wir nicht. Worüber wir reden, ist etwas vollkommen anderes. All Ihre Beziehungen, Ihr Wissen, Ihre Erfahrungen, all Ihre Emotionen und Gefühle, all das romantische Zeug, gehört ganz und gar der Gesellschaft, und nicht Ihnen. Sie sind gar keine Individuen; Sie sind Menschen aus zweiter Hand.

Erst wenn Sie von dem frei sind, was jeder Mann und jede Frau vor Ihnen gedacht und gefühlt hat, werden Sie zu einem Individuum werden. Ein solcher Mensch wird nicht herumgehen und all das zerstören wollen, was zur Gesellschaft gehört. Er ist keineswegs mit der Gesellschaft in Konflikt. Er würde niemals Tempel oder Institutionen niederreißen oder Bücher verbrennen, die andere Menschen mit großer Sorgfalt hergestellt haben. Er würde kein Rebell sein. All das angehäufte Wissen, die Erfahrung und das Leiden der Menschheit ist in Ihnen. Sie müssen in sich einen großen Scheiterhaufen errichten. Dann werden Sie zu einem Individuum werden. Einen anderen Weg gibt es nicht. Die Gesellschaft basiert auf einem Fundament aus Konflikten, und Sie sind die Gesellschaft. Daher müssen Sie immer mit der Gesellschaft in Widerstreit liegen. Das wirkliche Individuum, jemand, der frei ist von der angehäuften Tradition und dem Wissen der Menschheit, stellt notwendigerweise eine Bedrohung für diese Gesellschaft dar. Die Gesellschaft, von der Sie ein Teil sind, kann nicht anders sein, als sie ist. Also hören Sie damit auf, sie retten oder verändern zu wollen. Sie können noch nicht einmal Ihre Schwiegermutter ändern.

Nicht alle von uns sind so auf unser eigenes persönliches Glück und unsere Erlösung erpicht. Viele von uns sind politisch und sozial bewußte Menschen, und wir wollen lediglich eine neue Welt schaffen, eine Gesellschaft, die anders organisiert ist, so daß Armut, Ungerechtigkeit und andere soziale Mängel berichtigt werden können. Sie tun so, als wären wir nur auf unsere eigenen persönlichen Probleme und Zielvorstellungen fixiert, während die meisten von uns tatsächlich der Welt zu Diensten sein wollen und keine eigennützigen Zwecke verfolgen, sondern einfach nach einer besseren, menschlicheren Gesellschaft suchen.

Sie wollen sich in etwas anderes umwandeln und erkennen gleichzeitig, daß Sie sich überhaupt nicht ändern können. Dieser ‘Wandel’, von dem Sie sprechen, ist wirklich nur noch weiteres romantisches, eingebildetes Zeug. Sie ändern sich nie, Sie denken nur an Veränderung. Solange Sie sich aus irgendwelchen Gründen ändern wollen, werden Sie darauf bestehen, die ganze Welt zu verändern. Sie wollen eine andere Welt, damit Sie in ihr glücklich sein können. Das ist Ihr einziges Interesse. Sie mögen von der Menschheit reden, Ihre Sorge um die Menschheit und vom Mitgefühl für die Menschheit, aber das ist alles nur ein Haufen Mist...

Da Sie so entschlossen sind, einen Wandel zu bewirken - eine Vorstellung, die Ihre Kultur Ihnen auferlegt hat - bleiben Sie unzufrieden und wollen, daß die Welt anders sei. Wenn Ihr inneres Verlangen danach, etwas anderes zu sein als Sie es tatsächlich sind, an sein Ende kommt, dann hört auch diese neurotische Forderung auf, Ihre Gesellschaft verändern zu wollen. Dann können Sie keine Konflikte mehr mit der Gesellschaft haben; Sie leben in perfekter Harmonie mit ihr, inklusive ihrer Brutalitäten und ihres Elends. All Ihre Versuche, diese brutale Gesellschaft zu verändern, verstärken diese brutalen Tendenzen nur. Das soll nicht heißen, daß das freie Individuum sich der Gesellschaft gegenüber indifferent verhalten würde. Im Gegenteil. Jedenfalls sind Sie es, der jetzt gerade indifferent ist. Sie sitzen nur da und greinen und tun währenddessen gar nichts. Es tut mir leid...

Aber es ist sehr dringlich, daß es Frieden gibt auf der Welt...

Ohne daß Sie mit sich selbst in Frieden leben, kann es ringsum auf der Welt keinen Frieden geben. Wann werden Sie mit sich selbst in Frieden sein? Im nächsten Leben? Keine Chance. Warten Sie, Sie werden es sehen. Selbst dann gibt es keine Garantie dafür, daß Ihre Gesellschaft friedlich sein wird. Sie werden nicht in Frieden leben. Wenn Sie mit sich selbst in Frieden sind, ist das das Ende der Geschichte.

Es sieht so aus, als hätten wir nur diese Idee von einer friedlichen Gesellschaft, während unsere Beziehungen zu den anderen tatsächlich sehr gewalttätig sind. Wie können wir diesen Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit überwinden?

Sie versuchen mit Ihren Mitmenschen, mit der Gesellschaft und der ganzen Welt Beziehungen einzugehen. Aus irgendwelchen Gründen sind die Beziehungen, die Sie tatsächlich aufrechterhalten, ganz häßlich und schrecklich. Haben Sie bemerkt, daß kein Konflikt entsteht, solange in Ihrer Beziehung die Frage: „Was kann ich aus dieser Beziehung herausholen?“ zufriedenstellend beantwortet wird und solange diese darauf ausgerichtet ist, Ihrem persönlichen Glück zu dienen? Jeder Mensch ist in der gleichen Situation: Seine Beziehungen sind solange harmonisch, als sie seiner eigenen Vorstellung vom Glück dienen. Wir verlangen außerdem, daß unser Glück ewig währen sollte. Es liegt in der Natur der Dinge, daß dies unmöglich ist. Es gibt so etwas wie Permanenz überhaupt nicht. Alles ist beständigem Wandel unterworfen. Alles ist im Fluß. Weil Sie sich nicht der Tatsache der Vergänglichkeit aller Beziehungen stellen können, erfinden Sie Gefühle, Romanzen und dramatische Emotionen, um ihnen Kontinuität zu verleihen. Daher befinden Sie sich immer in einem Konfliktzustand.

So sollten wir also unsere Suche nach einer perfekten, harmonischen Beziehung aufgeben und uns darauf konzentrieren, uns selbst zu verstehen - ist es das?

Den einfältigen und leichtgläubigen Menschen vorzumachen, sie müßten sich selbst verstehen, ist einer der übelsten Streiche, der ihnen je gespielt wurde, und das nicht nur von den Lieferanten der alten Weisheiten - dem geistlichen Stand - sondern auch von den modernen Wissenschaftlern. Die Psychologen lieben es, über Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung, dem Leben von Augenblick zu Augenblick und sonstigem Blödsinn zu reden. Wir werden mit diesen absurden Ideen konfrontiert, als wären sie etwas Neues.

Es muß doch langweilig für Sie sein, wo immer Sie auch hinkommen, die gleichen alten Fragen beantworten zu müssen.

Ich bin überall auf der Welt gewesen, um Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Die Menschen auf der ganzen Welt sind genau gleich. Die Fragen ändern sich nie. Aber das langweilt mich niemals. Wie könnte ich mich langweilen? Wenn ich irgendein Narr wäre, der versuchte, etwas aus dieser Sache herauszuschlagen und nach anderen, neuen und besseren Fragen zu suchen, dann bestünde die Möglichkeit, daß ich mich langweile. Aber ich suche nach nichts. Also ist Langeweile unmöglich. Sind Sie gelangweilt? Sie haben keine Möglichkeit, es selbst herauszufinden.

Ich bin gelangweilt, denn ich bin nur Durchschnitt, wie jeder andere auch. Ist es meine Mittelmäßigkeit, die das Leben so leer und langweilig erscheinen läßt?

Es ist sehr schwierig, so wie jeder andere und ganz gewöhnlich zu sein. Die Mittelmäßigkeit erfordert ein hohes Maß an Energie. Sich selbst zu sein, ist dagegen ganz leicht. Man muß überhaupt nichts tun. Es ist keine Anstrengung nötig. Sie brauchen keine Willenskraft auszuüben. Sie müssen gar nichts tun, um sich selbst zu sein. Um aber etwas anderes zu sein, als Sie es sind, müssen Sie viele Dinge tun. Die Langeweile und die Unruhe, die Sie in sich spüren, gibt es nur deshalb, weil Sie meinen, Sie müßten etwas tun, das interessanter, bedeutender und wertvoller ist, als das, was Sie bereits tun. Sie glauben, daß die Art und Weise, wie Sie Ihr Leben führen, schrecklich langweilig ist und daß es etwas geben muß, das zu tun wertvoller, bedeutender und aufregender sei. Also wird dies alles Teil des komplexen Wissens, das Sie über sich selbst besitzen. Je mehr Sie über sich selbst wissen, desto unmöglicher wird es, bescheiden und sensibel zu sein. Wie könnte es denn Bescheidenheit geben, solange Sie etwas wissen?

In mir ist etwas, das es schwierig findet, bei all dem einfach zu bleiben. Es scheint da eine Angst davor zu geben...

Alle Ängste führen schließlich hin zur Angst vor dem Tode, dem physischen Tod. Sie versuchen die Angst vor dem Tod weit weg in den Hintergrund zu schieben, so daß Sie weitermachen können wie bisher. Solange Sie von Angst geplagt sind, hat es keinen Zweck, über den Sinn des Lebens zu sprechen. Warum immerzu Fragen stellen und das Leben mystifizieren? Sie sind deshalb am Leben, weil Ihre Eltern Sex hatten. Punktum. Suchen Sie nicht nach einem Sinn im Leben; vielleicht gibt es gar keinen Sinn. Vielleicht hat es seinen eigenen Sinn, den Sie niemals kennen können. Offenbar hat das Leben für Sie keine Bedeutung. Sonst säßen Sie nicht hier und würden all diese Fragen stellen. Alles, was Sie tun, scheint absolut sinnlos zu sein, das ist eine Tatsache. Kümmern Sie sich nicht um die andern. Die ganze Welt ist eine Verlängerung Ihrer selbst. Die Art und Weise, wie Sie denken, fühlen und die Dinge erfahren, ist genau die gleiche, in der auch jeder andere auf dieser Welt denkt, fühlt und die Dinge erfährt. Die Zielvorstellungen mögen verschieden sein, aber der Mechanismus und die Mittel, die Sie gebrauchen, um Ihr spezielles Ziel zu erreichen, unterscheiden sich keinen Deut von jenen, die von den anderen benutzt werden, die ihre eigenen Ziele erreichen wollen. Warum sollte es irgendeinen Sinn im Leben geben? In dem Augenblick, in dem ein Kind auf die Welt kommt, interessiert es sich für das eine: Überleben. Der Lauf des Lebens scheint in dem, dem Kinde innewohnenden Instinkt, sich zu ernähren, zu überleben und sich fortzupflanzen, vorgezeichnet zu sein. Es ist das Leben, das sich selbst zum Ausdruck bringt. Es ist nicht nötig, dem einen Sinn aufzuerlegen.

Nur zu leben, scheint uns nicht genug zu sein. Wir haben Sehnsüchte und Ziele, und wir meinen, daß es möglich sein müßte, ein vernünftigeres und sinnvolleres Leben zu führen.

Anstatt zu leben, sind Sie von der Frage besessen: „Wie soll ich leben?“ Dieses Dilemma wurde durch die Kultur in uns hineingelegt, und es ist für viele unserer Probleme verantwortlich. Weil Sie tot sind, weil Sie das nicht leben, was wir Leben nennen, befassen Sie sich damit, wie Sie leben sollen. Falls es Ihnen gelingen sollte, von der Vorstellung loszukommen, daß Sie ein besseres, edleres und sinnvolleres Leben führen sollten, werden Sie diesen Glauben durch einen anderen ersetzen. Sie müssen sich die Tatsache eingestehen, daß Sie nichts über das Leben wissen oder darüber, wie es gelebt wird.

Der Tatsache ungeachtet, daß wir nicht leben, jagt uns der Tod schreckliche Angst ein.

Der Körper reagiert auf das Leben, das ihn umgibt: der Schlag des Herzens, die verschiedenen physiologischen Vorgänge und der Puls des Lebens - sie alle weisen auf die Gegenwart des Lebens hin. Wenn diese Vorgänge aufhören, dann findet das statt, was man den klinischen Tod nennt. Als nächstes können wir beobachten, wie der Körper in seine Grundbestandteile zerfällt, die daraufhin neue und andersartige Lebensformen annehmen. Jedoch ist diese Kontinuität des Lebens in einer anderen Form für Sie nur ein geringer Trost, denn Sie wollen in Ihrer gegenwärtigen Form weitermachen, trotz aller Unzulänglichkeiten. Wenn der Körper begraben wird, haben die Würmer einen Festtag. Werfen Sie ihn ins Wasser, werden die Fische ihr Festmahl bekommen. Dieses Leben wird in irgendeiner anderen Form weitergehen. Nur Sie werden nicht da sein, um den Tod zu erfahren; es gibt den Tod nur im klinischen Sinne.

Wenn ich nicht wirklich lebe, wenn ich den Tod nicht kennen kann, wenn mir die Gesellschaft wirklich völlig egal ist, wenn mein Leben tatsächlich sinnlos ist, wenn mein mühsam erworbenes Wissen lediglich Ausdruck meiner Ignoranz ist, dann ist das, was ich für die Realität halte, eine Projektion meines eigenen Denkens...

Wo ist denn das Denken, von dem Sie sprechen? Können Sie es mir zeigen? So etwas wie mein Denken und Ihr Denken gibt es nicht. Es ist überall, etwas wie die Luft, die wir atmen. Es gibt eine Gedankensphäre. Sie ist nicht unsere und nicht meine. Sie ist immer da. Ihr Gehirn funktioniert wie eine Antenne, wählt die Signale aus und nimmt diejenigen auf, die es verwenden will. Das ist alles. Sie benutzen diese Signale zum Zwecke der Kommunikation.

Zunächst einmal müssen wir mit uns selbst kommunizieren. Wir fangen damit als Kinder an, indem wir alles immer und immer wieder mit Namen belegen. Sich mit anderen zu verständigen, ist ein wenig komplexer und kommt als nächstes. Das Problem, oder das Pathologische, wenn Sie so wollen, beginnt dann, wenn Sie ständig mit sich selbst Gespräche führen, ungeachtet dessen, ob die äußeren Geschehnisse überhaupt ein Denken erforderlich machen. Sie teilen sich selbst die ganze Zeit über mit: „Ich bin glücklich... Ich bin nicht glücklich... Was ist der Sinn des Lebens?...“ und so weiter. Wenn diese unaufhörliche Kommunikation in Ihnen nicht vorhanden ist, dann sind auch Sie, so wie Sie sich jetzt kennen und erfahren, nicht da. Wenn es diesen inneren Monolog nicht mehr gibt, besteht auch kein Bedürfnis, mit anderen zu kommunizieren. Sie teilen sich den andern also nur deshalb mit, um diese Kommunikation, die Sie mit sich selbst haben, Ihren inneren Monolog, aufrechtzuerhalten. Diese Art von Kommunikation ist nur dann möglich, wenn Sie aus der unermeßlichen Gesamtheit der Gedanken schöpfen, die von den Menschen von einer Generation zur andern weitergegeben wurden und die Sie für verläßlich halten. Der Mensch hat es durch den Evolutionsprozeß gelernt, aus diesem Speicher schneller subtilere und raffiniertere Gedanken herauszuholen als die anderen Tiere. Diese besitzen mächtige Instinkte. Durch das Denken wurde es dem Menschen möglich, effizienter als die anderen Arten zu überleben. Diese Fähigkeit des Denkens, sich anzupassen, ist der Fluch des Menschen. 

Ob man es der Gesellschaft, den Genen, der Evolution oder dem Einfluß der Sterne anlastet, es kommt auf das gleiche heraus: Wir alle sind von Grund auf konditioniert und müssen von dieser Konditionierung frei werden, um natürlich und ungebunden funktionieren zu können. Das ist doch offensichtlich, nicht wahr?

Für mich ist das gar nicht offensichtlich. Es ist Ihnen einfach nicht möglich, ohne Konditionierung zu sein; gleichgültig was Sie tun, Sie sind konditioniert. Die ‘Dekonditionierung’, von der die spirituellen Gurus sprechen, ist ein Schwindel. Die Vorstellung, unkonditioniert zu sein, sich selbst zu dekonditionieren, ist lediglich ein weiterer Verkaufsartikel auf dem Marktplatz des ‘Geistlichen Geschäfts’. Er besitzt keinerlei Wert. Sie werden das herausfinden. Alles, was Sie tun, ist bedingt. Sich selbst zu dekonditionieren, hat keinen Sinn. Wovon Sie frei sein müssen, ist der Wunsch, frei von der Konditionierung zu sein. Konditionierung ist Intelligenz, nämlich die Fähigkeit, adäquat auf die Umwelt zu reagieren. Das steht in keinerlei Beziehung zu Ihrem Geisteszustand, Ihren Phantasien und Vorstellungen, die Sie für den Gipfel der Intelligenz halten.

Wenn das Nachforschen, die Selbstkenntnis und die Dekonditionierung nicht dazu beitragen, mein grundlegendes Dilemma zu lösen, vielleicht kann dann die Wissenschaft mit Techniken der Lebensverlängerung oder mit der Gentechnik helfen?

Selbst die Gentechnik, der die Wissenschaftler keine Zügel mehr anlegen, dient nicht dem Wohle der Menschheit. Wenn sie damit erfolgreich sein werden, dann wird sie dem Staat übergeben werden. Der Staat wird sie dazu benutzen, alles und jeden zu kontrollieren. Die Gehirnwäsche, für die man Jahrhunderte benötigt, würde obsolet werden. Durch eine einfache Injektion einer genetisch veränderten Substanz in den Körper kann der Staat seine Bürger in blutrünstige Soldaten oder geistlose Bürokraten, so wie er es haben will, verwandeln.

Vielleicht komplizieren wir es auch. Könnte es nicht sein, daß wir alle einfach zu oberflächlich im Denken sind und daß es uns nur an visionärer Kraft und geistiger Weitsicht fehlt?

Ihre Handlungen müssen auf jeden Fall zerstörerisch auf die eigentlichen Ziele des Menschen wirken, denn sie sind dem Denken entsprungen, und das ist ein totes Ding. Ihre grundlegende Schwierigkeit liegt darin, daß Sie das Leben dazu zwingen, sich Ihren toten Ideen und Theorien anzupassen. Alles, wofür Sie eintreten, woran Sie glauben und was Sie erfahren und anstreben, ist das Ergebnis des Denkens. Das Denken ist destruktiv, denn es ist nichts weiter als ein Schutzmechanismus, der darauf programmiert ist, mit allen Mitteln seine eigenen Interessen zu schützen. Und überhaupt, sind dort wirklich Gedanken? Denken Sie jetzt? Sie haben keine Möglichkeit, das zu erkennen.

Aber es ist doch eine übermenschliche Aufgabe, das Denken ganz zu verstehen. Alle Religionen und wichtigen Philosophien haben uns eine mehr oder weniger übermenschliche Gestalt zum Vorbild gegeben, jemand, der die relative Welt irgendwie transzendiert hat - die Welt des Denkens, wenn Sie wollen - und der eine gewisse Größe erreicht hatte. Aber wir sind nur gewöhnliche Menschen und nicht imstande, furchtlos und unerschrocken kolossale Handlungen zu auszuführen.

Wenn Sie von der Zielvorstellung des ‘perfekten’, ‘göttlichen’ oder ‘wahrhaft religiösen’ Supermannes befreit sind, wird sich, was im Menschen natürlich ist, allmählich zum Ausdruck bringen können. Ihre religiöse oder weltliche Kultur hat Ihnen das Ideal des perfekten Mannes oder der perfekten Frau zum Vorbild gegeben und versucht nun, einen jeden in dieses Schema zu pressen. Das ist unmöglich. Die Natur ist damit beschäftigt, absolut einmalige Individuen zu schaffen, wohingegen die Kultur nur eine einzige Form erfunden hat, der sich alle anpassen müssen. Es ist grotesk.

Sind Sie also kein vollkommener Mensch, so wie es einige behaupten?

Ich wünschte, ich wüßte das, aber ich will mich damit nicht befassen. Wen interessiert das schon? Ich habe keine Möglichkeit, es herauszufinden, und wenn ich es täte, wäre das für die Welt eine Tragödie. Die Menschen würden ein Vorbild aus mir machen und versuchen, auf eine bestimmte Weise zu leben, und sie würden damit für die Menschheit ein Desaster schaffen. Wir haben genug Gurus, warum ihnen also noch einen weiteren hinzufügen?

Wenn Sie kein Lehrer oder eine Art Guru sind, warum sprechen Sie dann zu uns? Es kommt uns so vor, als ob Sie uns eine Art von Unterweisung geben und daß Sie eine Lehre erteilen, die der Menschheit von Nutzen sein kann.

Ich singe nur mein Lied, und dann gehe ich. Ob mir jemand zuhört oder nicht, kümmert mich nicht. Ich ziehe keine hypothetischen Situationen in Betracht. Wenn niemand kommt und redet, ist mir das recht. Glauben Sie mir, daß ich spreche, geschieht nur beiläufig, und es zielt nicht darauf ab, irgend jemanden zu befreien. Ich komme seit dreißig Jahren in diese Gegend. Wären Sie nicht da, würde ich vielleicht fernsehen oder einen Krimi lesen - mir ist das gleich. Ich verkaufe gar nichts. Das ist so. Und damit hat es sich. Ich weise nur darauf hin, daß, wenn wir in diesem Maße weitermachen, die gesamte Gentechnik dem politischen System in die Hände fallen wird, das sie zur totalen Kontrolle und zur Unterwerfung des Menschen nutzen wird.

Wenn diese Gefahr wirklich unmittelbar bevorsteht, dann wäre es doch dringend nötig, daß auch andere unerwartet auf ihren natürlichen Zustand ‘stoßen‘ (so, wie Sie angedeutet haben, daß es Ihnen geschehen ist), und wäre es nur aus dem Grund, eine Alternative zum genetischen Totalitarismus zu schaffen. Würden Sie das auch so sehen?

Nein. Dieser natürliche Zustand kann nicht dazu benutzt werden, irgendeinen Kreuzzug zu unterstützen. Auch bin ich nicht daran interessiert, mich als Archetypen oder Propheten für die Menschheit darzustellen. Ich bin nicht daran interessiert, die Neugier der Leute zu befriedigen. Die Wissenschaftler machen enorme Fortschritte auf dem Felde der Mikrobiologie und der Physiologie des Gehirns und der Drüsen. Sie werden bald über einen Wissensstand auf diesen Gebieten verfügen, der hoch genug ist, um die physiologische Mutation zu verstehen, die in mir stattgefunden hat. Ich persönlich kann keine andere Aussage dazu machen, als diese, daß der ganze Mechanismus automatisch abläuft. Es gibt keine Interferenz des Denkens mehr. Das Denken wird rein funktionell genutzt. Wenn es von der Umwelt in Anspruch genommen wird, tritt es zeitweise hier in Funktion, aber es kann nicht in Hinsicht darauf handeln, um dort etwas zu werden oder zu verändern. Das ist eine Energie, die es ermöglichen kann, in dieser Welt auf vernünftige und intelligente Weise zu funktionieren. Jetzt verschwenden Sie Ihre Energie dadurch, daß Sie versuchen, etwas anderes zu sein, als Sie es tatsächlich sind. Dann aber werden Sie über eine Gewißheit verfügen, die weder durch mich noch durch einen anderen vermittelt werden kann.

Ich habe selbst herausgefunden, daß das, was uns über Freiheit, Erleuchtung und Gott gesagt wurde, falsch ist. Keine Macht der Welt kann daran rühren. Das macht mich nicht überlegen. Nichts dergleichen. Um sich über- oder unterlegen fühlen zu können, muß man sich von der Welt abspalten. Ich sehe die Welt nicht als etwas Separates an, so wie Sie das tun. Das Wissen, das ich über die Welt habe - sei es die innere oder die äußere - wird nur dann wirksam, wenn es erforderlich ist. Ansonsten weiß ich einfach nichts. Ihr natürlicher Zustand ist ein Zustand des Nichtwissens.

Sie nehmen nichts besonderes für sich in Anspruch, und doch spüren Ihre Zuhörer, mich selbst eingeschlossen, eine Sicherheit und Autorität in dem, was Sie sagen. Deutet das denn nicht darauf hin, daß Sie in der Tat ein ‘freier Mann’ sind?

Das Wissen, daß man dieses oder jenes sei, daß man glücklich ist, daß man unglücklich ist, daß man ein Mensch ist, der zur Erkenntnis gelangt ist oder auch nicht, geht mir vollkommen ab. Sie, oder ich, haben keine Möglichkeit zu wissen, ob wir freie Menschen sind. Nichts sagt mir, daß ich ein freier Mann wäre. In Ihrem Fall hört dieser Prozeß der Namensgebung, das Habenwollen und das Fragen niemals auf, gleichgültig was auch geschieht. Hier funktioniert das Denken nur auf einen von außen kommenden Stimulus hin. Selbst dann findet im gleichen Augenblick die Reaktion des Wissens statt, und ich bin wieder wie ein großes Fragezeichen. Ihr ständiger Anspruch, das gleiche immer und immer wieder zu erleben, resultiert in zwanghaftem, sich dauernd wiederholendem Denken. Ich sehe weder eine Notwendigkeit noch einen Grund dafür, daß sich der repetetive Prozeß immer weiter fortsetzen sollte. In meinem Falle gibt es niemanden, der getrennt von diesem Funktionieren wäre, niemand, der einen Schritt zurück geht und der sagen kann: „Das ist die Realität!“ So etwas wie Realität gibt es gar nicht. Die Realität wurde uns von Kultur, Gesellschaft und Erziehung aufoktroyiert. Verstehen Sie mich nicht falsch. Das Denken hat einen funktionalen Wert. Wenn wir die Welt nicht so akzeptieren, wie sie uns auferlegt wurde, werden wir in der Irrenanstalt landen. Ich muß die Welt als eine relative Tatsache akzeptieren, sonst gibt es keine Möglichkeit, die Wirklichkeit von irgend etwas zu erfahren. Das Denken hat die Realität Ihres Körpers, Ihres Lebens, Ihres Schlafes und all Ihrer Wahrnehmungen geschaffen. Sie erfahren diese Wirklichkeit durch Wissen. Ansonsten gibt es keine Möglichkeit, wie Sie wissen könnten, daß Sie einen Körper haben, daß Sie leben und daß Sie wach sind. Das alles ist Wissen. Die Realität von allem ist etwas, das von niemandem erfahren werden kann.

Wir fanden dieses Gespräch äußerst interessant. Haben Sie vielen Dank.

Danke.


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[1] [1] [1] Bhagavad Gita: Eine der bedeutendsten Schriften des Hinduismus, Teil des Epos Mahabharata. Sie lehrt verschiedene Pfade zur Vereinigung mit Gott (oder der Befreiung), einschließlich der 'desinteressierten Handlung'.

[2] Gowdapada: (ca. 780 v.Ch.) Der Philosoph, der die monistischen Lehren der Upanishaden wiederbelebt hat. Sein Schüler Govinda ist der Lehrer Samkaras, dem berühmten Philosophen des Advaita (Nicht-Dualismus). Er ist der Autor von Mandukya-Karika, einem Kommentar der Mandukya Upanishaden.

[3] Brahmasutra: Eine zentrale Schrift der Vedanta-Religion.

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