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Für morgen gibt es Hoffnung, für heute nicht

Ich möchte gerne meditieren können und wirkliche innere Ruhe finden.

Haben Sie dieses Ziel, das Sadhana voraussetzt, einmal in Frage gestellt? Warum nehmen Sie es als erwiesen hin, daß es so etwas wie ‘innere Ruhe’ gibt? Vielleicht ist das etwas Falsches. Ich stelle diese Frage nur, weil ich gerne verstehen möchte, welches besondere Ziel Sie vor Augen haben. Darf ich Sie das also fragen?

Wie ich sagte, ich möchte gern innere Ruhe finden.

Wann, glauben Sie, werden Sie die finden? Das wird immer morgen sein, im nächsten Jahr. Warum? Warum wird es die Stille, oder die innere Ruhe, oder wie immer Sie es auch nennen wollen, immer erst morgen geben und niemals heute? Vielleicht hat das Sadhana selbst die Aufgeregtheit - die Abwesenheit von Ruhe - verursacht.

Es muß doch möglich sein...

Aber warum verschieben Sie es auf morgen? Sie müssen sich der Situation jetzt stellen. Was wollen Sie letzten Endes erreichen?

Was immer ich auch tue, es scheint sinnlos zu sein. Es liegt keinerlei Befriedigung darin. Ich meine, daß es etwas Höheres geben müsse.

Nehmen wir einmal an, ich würde sagen, daß es außer dieser Sinnlosigkeit nichts anderes für Sie gibt und jemals geben wird. Was werden Sie dann tun? Das falsche und absurde Ziel, das Sie sich gesetzt haben, ist für die innere Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit verantwortlich. Glauben Sie, das Leben hätte einen Sinn? Offenbar tun Sie das nicht. Es wurde Ihnen gesagt, daß es einen Sinn gibt, daß das Leben eine Bedeutung haben müsse. Ihre Vorstellung vom ‘Sinnvollen’ hält Sie davon ab, den Tatsachen ins Auge zu blicken, und nun fühlen Sie, daß das Leben keinen Sinn hat. Wenn Sie die Idee des ‘Sinnvollen’ einmal fallen lassen, dann werden Sie in allem, was Sie im täglichen Leben machen, eine Bedeutung erblicken.

Aber wir alle haben eine Vorstellung von einem besseren, mehr spirituellen Leben.

Alles, was Sie haben wollen, und dazu gehören auch Ihre sogenannten spirituellen Ziele, besitzt einen materialistischen Wert. Was, wenn ich fragen darf, ist denn so spirituell daran? Um ein spirituelles Ziel zu erreichen, werden Sie sich desselben Mittels bedienen, das Sie auch zum Erlangen materialistischer Ziele gebrauchen, nämlich des Denkens. Sie tun nicht wirklich etwas dafür, sondern Sie denken einfach. So denken Sie einfach, daß es einen Sinn und Zweck im Leben geben müsse. Und weil das Denken Materie ist, ist sein Objekt - das spirituelle oder sinnvolle Leben - auch Materie. Spiritualität ist Materialismus. Auf jeden Fall handeln Sie nicht, sondern Sie denken einfach, und das bedeutet - aufschieben. Etwas anderes kann das Denken einfach nicht tun.

Dieses Instrument, genannt Denken, das Sie anwenden, um Ihre sogenannten spirituellen Ziele zu erreichen, ist das Ergebnis der Vergangenheit. Das Denken ist aus der Zeit entstanden, es funktioniert in der Zeit, und alle Ergebnisse, die es zu erreichen sucht, müssen demnach auch in der Zeit enthalten und von der Zeit gemacht sein. Und Zeit ist Aufschieben - das Morgen. Nehmen Sie zum Beispiel die Selbstsucht. Sie ist ein Faktum, und sie wird verdammt, wohingegen die Selbstlosigkeit eine reine Schöpfung des Denkens ist, die aber angestrebt werden soll. Deren Verwirklichung jedoch liegt immer gerade vor einem, im Morgen. Sie werden morgen selbstlos sein oder übermorgen, oder, falls es das geben sollte, im nächsten Leben. Warum ist es Ihnen nicht möglich, jetzt, heute, völlig frei von Selbstsucht zu sein? Und wollen Sie wirklich frei sein von Egoismus? Das wollen Sie nicht, und deshalb haben Sie das, was Sie Selbstlosigkeit nennen, erfunden, und in der Zwischenzeit bleiben Sie selbstsüchtig. Also werden Sie überhaupt nicht, niemals, selbstlos sein, weil das Mittel, das Sie dazu benutzen, um einen Zustand der Selbstlosigkeit oder der inneren Ruhe zu finden, in sich materialistisch ist. Was immer Sie tun mögen, um sich von der Selbstsucht zu befreien, wird diese nur verstärken. Damit sage ich nicht, daß Sie deshalb selbstsüchtig sein sollen, sondern nur, daß das Nachdenken über deren abstraktes Gegenteil, nämlich das, was Sie ‘Selbstlosigkeit’ genannt haben, nutzlos ist. 

Es wurde Ihnen außerdem gesagt, daß Sie die Selbstsucht durch Meditation beenden könnten. Tatsächlich meditieren Sie aber überhaupt nicht, sondern Sie denken nur über die Selbstlosigkeit nach und tun nichts, um selbstlos zu sein. Ich habe das als Beispiel genommen, aber alle anderen Beispiele sind nur Variationen des gleichen Themas. Jedwede Tätigkeit dieser Art ist genau das gleiche. Sie müssen die einfache Tatsache akzeptieren, daß Sie nicht frei von Selbstsucht sein wollen.

Ich gebe mir ja Mühe zu verstehen...

Sie verwenden viel Mühe darauf, um in einem ‘mühelosen’ Zustand zu kommen. Wie zum Teufel könnten Sie denn dadurch, daß Sie angestrengt an sich arbeiten, in einen anstrengungs- und mühelosen Zustand gelangen? Sie glauben, Sie könnten durch Willensanstrengung, Kampf und Mühen ein müheloses Leben führen. Unglücklicherweise ist das alles, was Sie tun können. Mühe ist alles, was Sie kennen. Das ‘Du’ und alles, was es erreicht hat, war ein Ergebnis von Anstrengung und Mühe. Mühelosigkeit durch Mühe ist wie Frieden durch Krieg. Wie kann man mit Krieg Frieden schaffen?

Der ‘innere Frieden’, den Sie erstreben, ist eine Fortsetzung dieses Krieges durch Anstrengung und Kampf. Auch die Meditation ist Kriegsführung. Sie setzen sich zur Meditation nieder, während in Ihnen ein Kampf tobt. Das Ergebnis ist gewalttätig, schlimme Gedanken tauchen in Ihnen auf. Als nächstes versuchen Sie, diese brutalen Gedanken zu kontrollieren oder zu lenken und geben sich, während Sie das tun, noch mehr Mühe und tun sich Gewalt an.

Aber man scheint sich doch in einem friedvolleren Zustand zu befinden, wenn man seine Gebete oder seine Meditation beendet hat. Wie erklären Sie das?

Es ist das Ergebnis schierer Erschöpfung, das ist alles. Die Anstrengungen, Ihre Gedanken zu kontrollieren oder zu unterdrücken, ermüden Sie einfach und machen Sie sozusagen kriegsmüde. Das ist die Leichtigkeit und der innere Friede, den Sie erleben. Es ist kein Frieden. Wenn Sie nach Techniken zur Gedankenkontrolle suchen, dann sind Sie beim falschen Mann gelandet.

Nein, Sir, ich spüre, daß ich aus dem Gespräch mit Ihnen großen Nutzen ziehe. Sagen Sie, daß keine religiöse Verpflichtung, kein spiritueller Pfad und kein Sadhana nötig sei?

Ich sage nein. Jemand anderer sagt ja. Wo stehen Sie dann? Die Hauptsache ist, daß Sie Ihr Ziel verstehen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es des Kampfes, der Anstrengung und des Willens. Es gibt keine Garantie dafür, daß Sie dieses Ziel erreichen werden. Sie gehen davon aus, daß es dieses Ziel gäbe. Sie haben das Ziel erfunden, um sich selbst Hoffnungen zu machen. Hoffnung aber heißt morgen. Für morgen braucht man Hoffnung, nicht für heute.

Sie wissen. Sie brauchen noch mehr Wissen, damit Sie bessere Techniken entwickeln können, um Ihr Ziel zu erreichen. Sie wissen, daß es keine Garantie gibt, ob Sie Ihr Ziel durch größere Erfahrung, mehr Wissen und weitere Systeme und Methoden erreichen werden. Und doch machen Sie unbeirrt weiter; das ist alles, was Sie können. Um heute etwas zu erkennen, muß man handeln. Um es aber morgen sehen zu können, bedarf es nur der Hoffnung.

Was versuchen wir denn mit Hilfe der Techniken zu erkennen?

Sie wollen einen Sinn in Ihrem Leben erkennen. Solange Sie unbeirrt damit fortfahren, nach einem Sinn und Zweck im Leben zu suchen, solange wird Ihnen alles, was Sie tun, als sinn- und zwecklos erscheinen. Die Hoffnung, die Sie darauf richten, einen Sinn zu finden, ist die Ursache für Ihren gegenwärtigen Zustand der Sinnlosigkeit. Vielleicht gibt es keinen anderen Sinn.

Aber es ist doch verständlich, daß die Menschen nach einem Sinn in ihrem Leben suchen?

Die Energie, die Sie Ihrer Suche, den Techniken, dem Sadhana, oder wie immer Sie es auch nennen wollen, widmen, nimmt Ihnen die Energie, die Sie zum Leben brauchen. Sie sind besessen von der Idee, einen Sinn im Leben finden zu müssen, und das verbraucht eine Menge Energie. Wenn diese Energie frei wird, indem sie von der Sinnsuche entbunden ist, kann sie dazu benützt werden, die Vergeblichkeit dieser Suche einzusehen. Dann wird Ihr Leben voller Bedeutung sein, und die Energie kann einem nützlichen Zweck zugeführt werden. Das Leben, das sogenannte materielle Leben, hat seinen eigenen Sinn. Ihnen wurde gesagt, daß es bedeutungslos sei, und so haben Sie es mit eine fiktiven Schicht von ‘spirituellem’ Sinn überlagert.

Warum sollte das Leben einen Sinn haben? Warum sollte im Leben ein Zweck liegen? Das Leben selbst ist alles, was es gibt. Ihre Suche nach einer spirituellen Bedeutung hat aus dem Leben ein Problem gemacht. Ihnen wurde all dieser Blödsinn über die ideale, perfekte, friedliche und zweckvolle Lebensweise weisgemacht, und Sie geben all Ihre Energien daran, hierüber nachzudenken, anstatt ein erfülltes Leben zu führen. Jedenfalls leben Sie, gleichgültig, an was Sie auch denken. Das Leben muß weitergehen.

Aber ist nicht das Ziel von Kultur und Erziehung, uns zu lehren, wie wir leben sollen?

Sie leben. Sobald Sie damit anfangen, die Frage „Wie soll man leben?“ zu stellen, haben Sie das Leben zum Problem gemacht. Das „wie soll man leben“ hat das Leben bedeutungslos gemacht. In dem Moment, in dem Sie „wie“ fragen, wenden Sie sich an jemanden, um eine Antwort zu erhalten und werden dadurch abhängig. Und der macht dann mit Ihnen, was er will.

Sie sagen, daß alles Suchen zum Scheitern verurteilt ist, weil es nichts zu erreichen oder zu verstehen gibt.

Es gibt nichts zu erreichen, nichts zu vollbringen. Weil Sie sich ein Ziel gesetzt haben - sagen wir, die Selbstlosigkeit - bleiben Sie in der Selbstsucht stecken. Wenn das Ziel, die Selbstlosigkeit, nicht vorhanden ist, sind Sie dann selbstsüchtig? Sie haben die Selbstlosigkeit als ein Objekt eingeführt, das es anzustreben gilt, und währenddessen fahren Sie damit fort, egoistisch zu sein. Wie können Sie jemals mit Ihrer Selbstsucht aufhören, solange Sie der Selbstlosigkeit nachjagen? Ein gewisses Maß an praktischer Selbstsucht ist für das Überleben unabdingbar, das ist selbstverständlich, aber bei Ihnen ist das zu einem riesigen, unlösbaren Problem geworden.

Hier ist es nicht nötig, in einer speziellen Haltung zu sitzen und den Atem zu kontrollieren. Ich befinde mich immer in einem Zustand von Samadhi, auch wenn meine Augen geöffnet sind und unabhängig davon, was ich tue. Das Wissen, das Sie über Samadhi besitzen, entfernt Sie davon. Samadhi kommt, wenn alles, was Sie jemals gewußt haben, endet, zum Zeitpunkt des Todes. Der Körper muß wie eine Leiche werden, bevor jenes Wissen erlischt, das in jeder Zelle des Körpers eingeschlossen ist.

Sie deuten an, daß ein vollkommener Bruch mit der eigenen Vergangenheit unabdingbar sei, wenn man sich über die vorherrschende Mittelmäßigkeit erheben will, wenn man kreativ leben möchte. Aber es hat viele intelligente, schöpferische Menschen gegeben, die keinerlei Todeserlebnis hatten oder eine physische ‘Kalamität’, wie Sie es nennen.

Der schöpferische Einfallsreichtum, den Sie so hoch loben, entspringt Ihrem Denken, das im wesentlichen ein Schutzmechanismus ist. Der Verstand hat sowohl die Religion als auch das Dynamit erfunden, um das zu schützen, was er als seine ureigensten Belange betrachtet. In diesem Sinne gibt es kein Gut oder Böse. Sehen Sie das nicht? All diese schlechten, brutalen, schrecklichen Menschen, die man längst hätte entfernen sollen, kommen empor und sind erfolgreich. Glauben Sie ja nicht, daß Sie aus diesem Karussell aussteigen könnten oder daß Sie eine Mittäterschaft vermeiden könnten, indem Sie vorgeben, Sie seien in spiritueller Hinsicht überlegen. Sie sind die Welt; Sie sind das. Das ist alles, worauf ich hinweise.

Wird von Ihnen die Besorgnis darüber, was in einem künftigen Leben geschehen könnte, auch einfach so abgetan? Wenn ich in einem späteren Leben das ernten werde, was ich jetzt gesät habe, sollte ich dann nicht Sorge tragen, wie ich ein sittliches Leben führe?

Vergangene Leben, künftige Leben, Karma - auf diese Dinge wird in diesem sogenannten ‘spirituellen’ Land so viel Wert gelegt. Und es ist ein völliger Fehlschlag! Die Menschen sagen, daß sie für Ihre bösen Taten in der Zukunft, morgen, zu büßen haben werden. Aber was ist mit dem Jetzt? Warum kommt so einer jetzt damit durch? Warum ist er gerade jetzt so erfolgreich?

Trotz des offensichtlichen Chaos und der Brutalität in dieser Welt, finden die meisten von uns, daß die Hoffnung ewig grünt und daß letztlich die Liebe die Welt regieren muß...

Es gibt keine Liebe auf der Welt. Alle wollen sie dasselbe. Wer immer auch der skrupelloseste ist, wird es bekommen - solange er damit durchkommt. Es ist relativ einfach, auf dieser Welt das zu bekommen, was man haben möchte, wenn man nur skrupellos genug ist. Ich hatte alles, was ein Mensch sich nur wünschen kann, jede Art von erstrebenswerter Erfahrung, und alles enttäuschte mich. Deshalb kann ich meinen ‘Pfad’ niemandem empfehlen, weil ich mich schließlich selbst mit der Falschheit dieses Pfades konfrontiert sah und ihn verwarf. Ich würde niemals auch nur andeuten wollen, daß in all diesen Erfahrungen und Übungen irgendein Wert steckte.

Im Gegensatz zu dem, was Sie gesagt haben, stimmen die großen Retter und Anführer der Menschheit darin überein...

Die Heiligen, Erretter, Priester, Gurus, Bhagavans, Seher, Propheten und Philosophen hatten alle unrecht, wenn Sie mich fragen. Solange Sie irgendwelche Hoffnungen hegen oder an diese Autoritäten glauben, gleich, ob sie lebendig oder tot sind, solange kann Ihnen diese Gewißheit nicht vermittelt werden. Diese Gewißheit geht Ihnen irgendwie dann auf, wenn Sie selbst erkennen, daß sie alle irren.

Wenn Sie all das zum erstenmal selbst sehen, explodieren Sie. Diese Explosion trifft das Leben an einer Stelle, an der es noch niemals zuvor berührt worden ist. Das ist absolut einmalig. Daher kann, was immer ich Ihnen auch sage, für Sie nicht wahr sein. In dem Augenblick, in dem Sie es selbst sehen, wird was ich sage obsolet und falsch. Alles, was zuvor war, wird in diesem Feuer widerrufen. Sie können nicht zu der Ihnen eigenen Einzigartigkeit gelangen, ohne daß die Gesamtheit der menschlichen Erfahrung aus Ihrem Körper entfernt wird. Das kann weder durch irgendeine Willensanstrengung noch mit Hilfe von irgend etwas anderem geschehen. Sie sind ganz auf sich selbst verwiesen.

Es kommt mir so vor, als bedürfe es einer besonderen Art von ‘Heldenmut’ für das, was Sie beschreiben. Habe ich recht?

Ja – aber es ist kein Mut im üblichen Sinne. Es ist nicht der Mut, den Sie mit Kämpfen oder Überwältigen assoziieren. Es ist eine Kühnheit, die ich meine, ein Mut, der natürlicherweise in uns vorhanden ist, wenn die ganze Autorität und die Angst aus dem Organismus entfernt wurden. Der Mut ist weder ein Instrument noch eine Fähigkeit, die man dazu benutzen könnte, um irgendwo etwas zu bekommen. Vom Tun abzulassen, ist Mut. Das Beenden der Tradition in Ihnen, ist Mut. 

Selbst wenn der Mut vorhanden ist, gibt es doch keine Garantie dafür, daß man im Leben nichts falsch macht oder daß man sich nicht über die wichtigen Dinge täuscht.

Wenn man sich einmal von den Gegensatzpaaren - richtig und falsch, gut und schlecht - befreit hat, wird man nie mehr etwas falsch machen. Aber bis dahin bleibt das Problem bestehen.

Das scheint ziemlich furchterregende Folgen zu haben, wenn man am Ende der Gegensätze angekommen ist...

Es ist, als ob man aus Versehen einen unter Spannung stehenden Draht berührte. Sie sind viel zu furchtsam, um ihn aus eigenem Antrieb heraus anzufassen. Aus reinen Zufall berührt sie dieses Ding und verbrennt alles...

Einschließlich der Suche nach Gott und Freiheit?

Es verbrennt diese Suche, diesen Hunger. Der Hunger hört auf, aber nicht, weil er befriedigt wurde. Der Hunger kann nie gestillt werden, besonders nicht mit der traditionellen Nahrung, die angeboten wird. Mit dem Verbrennen dieses Hungers hört die Dualität auf.

Wenn man Ihnen zuhört, entsteht ein gewisses Unbehagen...

Sie sind unfähig, irgend jemandem zuzuhören. Sie sind das Medium, durch das ich mich ausdrücke. Ich reagiere auf Ihre Fragen; ich habe nichts eigenes. Was hier zum Ausdruck gebracht wird, geschieht Ihretwegen, nicht meinetwegen. Dieses Medium - Sie - ist korrumpiert, deshalb ist was immer ich Ihnen sage korrupt. Das Medium ist nur daran interessiert, seine eigene Kontinuität aufrechtzuerhalten. Also ist alles, was dort geschieht, bereits tot.

Sie scheinen darauf erpicht zu sein, all das zu zerstören, was andere Lehrer gelehrt haben...

Es liegt nicht in meinem Interesse, das kaputtzumachen, was andere gesagt haben (das wäre auch zu leicht), sondern das, was ich sage. Oder genauer gesagt, ich versuche das zu verhindern, was Sie aus dem, was ich sage, machen. Das ist der Grund, warum meine Aussagen den Menschen widersprüchlich zu sein scheinen. Die Natur Ihres Zuhörens zwingt mich dazu, stets die erste Aussage durch eine andere zu negieren. Dann wird die zweite Aussage von einer dritten negiert und so weiter. Mein Ziel ist keine bequeme dialektische These, sondern die völlige Negation all dessen, was ausgedrückt werden kann. Alles, was Sie aus meinen Aussagen machen wollen, stimmt nicht.

Sie spüren in dem, was hier gesagt wird, eine Frische, eine lebendige Qualität. Das stimmt schon, aber es kann für nichts verwendet werden. Es läßt sich nicht wiederholen. Es ist wertlos. Alles, was Sie damit anfangen können, ist, zu versuchen, es zu organisieren, Organisationen zu gründen, Schulen zu eröffnen, heilige Bücher zu publizieren, Geburtstage zu feiern, heilige Tempel zu weihen und dergleichen mehr, und damit alles Lebendige, das vielleicht in ihm war, zu zerstören. Keinem einzigen Menschen kann mit diesen Dingen geholfen werden. Sie helfen nur jenen, die von der Leichtgläubigkeit der anderen leben.

Wie genau hat sich in Ihrem Falle der Organismus von der Tradition gelöst?

 Meine Erklärung ist, daß es zu einem Ausbruch einer Energie kam, die vollkommen anders ist als jene Energie, die dem Denken entstammt. Alle spirituellen, mystischen Erfahrungen entspringen dem Denken. Es sind vom Denken hervorgerufene Zustände, und nichts weiter. Diese Energie hier, die jeden Gedanken verbrennt, sobald er auftaucht, neigt dazu, sich anzusammeln. Irgendwann muß sie entweichen. Die physischen Begrenzungen des Körpers stellen ein Hindernis beim Verströmen dieser einmaligen Energie dar. Wenn sie entweicht, strömt sie nach oben, nie nach unten, und sie kehrt niemals wieder. Wenn diese außerordentliche Energie - die atomisch ist - entweicht, verursacht das große Schmerzen. Das ist kein Schmerz, mit dem Sie vertraut wären. Damit hat dieser hier nichts zu tun. Wenn er es täte, würde der Körper zerschmettert. Es ist keine Materie, die in Energie umgewandelt wird; es ist atomisch. Dies ist ein andauernder Vorgang, während der Schmerz kommt und vergeht. Dann ist die Erleichterung so groß, als wäre einem ein schmerzender Zahn gezogen worden. Es ist diese Art von Erleichterung, sie hat nichts Spirituelles an sich. Sie als Seligkeit oder Wonne zu interpretieren, wäre sehr irreführend. Mittels des Denkens kann sich jedermann solche Erfahrungen schaffen, nur ist das keine Seligkeit. Das Eigentliche daran ist nichts, das erfahrbar wäre. Alles, was sich erfahren läßt, ist alt. Das bedeutet, daß alles, was Sie erfahren oder verstehen, Tradition ist.

Mit anderen Worten heißt das, daß ich Sie nicht von der Vergangenheit, der Konditionierung, zu befreien versuche, sondern von dem, was ich sage. Ich schlage Ihnen keinen Ausweg vor, denn es gibt keinen Weg. Ich bin in das hier zufällig hineingeraten und habe mich von den Pfaden der anderen befreit. Ich kann nicht denselben Fehler machen, den sie begangen haben. Ich werde niemals vorschlagen, daß mich jemand zum Vorbild nehmen oder in meine Fußstapfen treten sollte. Mein Weg kann niemals der Ihre sein. Wenn Sie versuchen, das zu Ihrem Weg zu machen, werden Sie sich in einem ausgefahrenen Geleise bewegen. Egal wie erfrischend, revolutionär oder phantastisch dies auch scheinen mag, so ist es doch eine Routine, eine Kopie, ein Ding aus zweiter Hand. Ich selbst weiß nicht, wie ich da hineingeraten bin, wie also könnten Sie von mir erwarten, daß ich es an andere weitergebe?

Meine Mission, falls es eine solche gibt, sollte von nun an darin bestehen, jede Aussage, die ich jemals gemacht habe, zu entkräften. Wenn Sie das, was ich gesagt habe, ernst nehmen oder versuchen, es anzuwenden, begeben Sie sich in Gefahr.

Die großen Lehrer und Seher der östlichen Tradition haben zumindest versucht, eine gewisse Vorstellung höherer Zustände zu vermitteln, während Sie darauf bestehen, daß diese nicht mitteilbar seien. Warum?

Sie nehmen es als gegeben hin, daß diese so seien, wie es diese Leute behaupten. Ich sage, daß sie einem anderen nicht vermittelt werden können, weil es nichts zu vermitteln gibt. Ebensowenig gibt es etwas, dem man entsagen könnte. Was ist es denn, dem Sie entsagen sollten, wie es diese Lehrer Ihnen vorschlagen? Sogar Ihre Schriften - die Kathopanischaden - erklären, daß Sie der Suche selbst entsagen müßten. Das Entsagen der Entsagung geschieht nicht durch Übung, Diskussion, Geld oder Intellekt. Ihrer bedarf es am allerwenigsten. Eine grobe Übersetzung aus dem ursprünglichen Sanskrit lautet: „Demjenigen, der erwählt wird, soll es offenbart werden.“ Wenn dem wirklich so ist, wo bleibt dann noch Raum für Übungen, Sadhana und Willenskraft? Es kommt zufällig und nicht, weil man es sich verdient hätte.

Wenn Sie soviel Glück haben und das erkennen, dann werden Sie sterben. Es ist die Kontinuität des Denkens, die stirbt. Der Körper kennt keinen Tod, er verändert nur die Form. Das Ende des Denkens ist der Beginn des physischen Todes. Was Sie erleben, ist die vollkommene Leere. Aber für den Körper gibt es den Tod nicht. Doch bin ich mir sicher, daß Ihnen das nur ein geringer Trost sein wird. Es genügt nicht, nur frei von Egoismus sein zu wollen; Sie müssen durch einen klinischen Tod gehen, um von Denken und Egoismus frei zu werden. Der Körper wird tatsächlich steif werden, der Herzschlag verlangsamt sich, und Sie werden einer Leiche ähnlich.

Auch die Inkarnationstheorie bestreitet den Tod, aber auf andere Weise. Sie spricht von einem ewigen Atman, oder Seele, der den physischen Tod überlebt...

Es ist gleichgültig, welche Antworten Ihnen auch immer bezüglich des Todes gegeben werden, Sie sind damit nicht zufrieden und müssen daher Theorien über die Inkarnation erfinden. Was ist es denn, das reinkarnieren wird? Was ist denn eigentlich da, wenn Sie lebendig sind? Gibt es etwas über die Gesamtheit des Wissens Hinausgehendes, das jetzt in Ihnen vorhanden ist? Gibt es also überhaupt den Tod, und wenn es ihn gibt, kann er erfahren werden?

Sie bestätigen also nur das Vorhandensein eines natürlichen Zustandes, sonst nichts?

Die Vorstellungen, die Sie von diesem natürlichen Zustand haben, weisen keinerlei Beziehung zu dem auf, was er tatsächlich ist. Sie versuchen etwas zu vereinnahmen und ihm Ausdruck zu verleihen, von dem Sie glauben, daß es dieser Zustand sei. Das ist eine absurde Übung. Was es gibt, ist nur die Bewegung, die es vereinnahmen will, sonst nichts. Alles übrige ist Spekulation.

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