Das Ende der Sehnsucht

Beunruhigende Gespräche mit dem Mann,

der U.G. genannt wird.

Aus dem Englischen von Ulla Marten

 

 

Meine Lehre, wenn Sie dieses Wort benutzen wollen, hat kein Copyright. Es steht Ihnen frei, sie ohne meine Zustimmung oder die Erlaubnis von irgend jemandem zu reproduzieren und zu vertreiben, zu interpretieren und zu mißinterpretieren, zu verdrehen, zu entstellen und damit zu tun, was Sie wollen;

Sie können sogar die Autorenschaft für sich reklamieren.

U.G.

 

 

Dieses Buch enthält edierte Gespräche zwischen U.G. Krishnamurti und verschiedenen Besuchern, die zwischen 1983 und 1984 in Indien, der Schweiz und Kalifornien geführt wurden. Obwohl einige Worte um der Klarheit willen verändert wurden, ist die hier vorliegende Version eine getreue Wiedergabe von Inhalt und Form dieser Diskussionen. Man möge uns nachsehen, daß wir die Namen der Gesprächsteilnehmer nicht nennen können. Wir waren der Meinung, daß dies nur von der Bedeutung und dem Fluß der Dialoge ablenken würde. Der Herausgeber übernimmt die volle Verantwortung für die Genauigkeit dieser Darlegung und dankt all jenen, die diese Gespräche mit U.G. geführt haben, für den wichtigen Beitrag, den sie damit zum Entstehen dieses Buches geleistet haben.

Inhalt:                                                                                             

             Vorbemerkung                                                                           

·      I. Die Gewißheit, die alles zerstört                                    

·      II. Für morgen gibt es Hoffnung, für heute nicht                              

·      III. Nichtwissen ist Ihr natürlicher Zustand                         

·      IV. Es gibt nichts zu verstehen                                                       

·      V. Wir haben diese Dschungelgesellschaft geschaffen                     

·      VI. Der Körper als Schmelztiegel                                                

·      Glossar                                                                                       

 

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Vorbemerkung:

 

Hier ist, fünf Minuten vor zwölf, eine erfrischende, radikale und unkonventionelle Bewertung des gesamten menschlichen Unterfangens. In seinem vorangegangenen Buch, ‘Die Mystique der Erleuchtung’, nahm U.G. Krishnamurti den Status quo direkt ins Visier und gab Zunder. In diesem neuen Buch macht er sogar noch kürzeren Prozeß mit den traditionellen Werten und Denkweisen, indem er sozusagen Granaten genau in die Zitadelle der von uns am meisten geschätzten Glaubensvorstellungen und Aspirationen feuert. Für die Sucher nach Gott, Glück und Erleuchtung hat dieses Buch wenig Empfehlenswertes. Aber für diejenigen, die dieser Suche überdrüssig sind und einen gelassenen Skeptizismus entwickelt haben, könnte dieser kleine Band von unschätzbarem Wert sein. Es ist die Geschichte eines Mannes, der alles besaß - gutes Aussehen, Reichtum, Kultiviertheit, Ruhm, Reisen, Karriere - und der alles aufgab, um selbst nach der Antwort auf seine brennende Frage zu suchen: „Gibt es eigentlich hinter all den Abstraktionen, mit denen die Religionen uns eingedeckt haben, so etwas wie Erleuchtung oder Befreiung?“ Er hat niemals eine Antwort bekommen.

Auf Fragen wie diese gibt es keine Antworten. U.G. gibt der Philosophie eine ganz neue Gestalt. Für ihn bedeutet Philosophie weder die Liebe zur Weisheit noch die Vermeidung von Irrtümern, sondern das Verschwinden aller philosophischen Fragen. So sagt er:

Wenn sich die Fragen, die Sie haben, in eine einzige Frage auflösen, in Ihre Frage, dann muß diese Frage detonieren, explodieren und vollkommen zum Verschwinden kommen, um dann einen reibungslos funktionierenden biologischen Organismus zurückzulassen, der frei ist von Verzerrung und Einmischung durch die nach Trennung strebende Gedankenstruktur.

U.G.s Botschaft ist schockierend: Wir sitzen alle im falschen Zug, sind auf der falschen Spur, gehen in die falsche Richtung. Wenn die Zeit kommt, der katastrophalen Wahrheit über die gegenwärtige Krise des Menschen ins Gesicht sehen zu müssen, dann werden Sie U.G. ganz vorne an der Spitze stehen sehen, dazu imstande und bereit, unsere sorgfältig aufgebauten Postulate, die uns so lieb und trostreich sind, zu zerstören. Einige Kostproben: ‘making love is war’; Ursache-und-Wirkung sind das Schibboleth (Erkennungszeichen) verwirrter Gemüter; Yoga und Vollwertkost zerstören den Körper; der Körper ist unsterblich, nicht die Seele; es gibt keinen Kommunismus in Rußland, keine Freiheit in Amerika und keine Spiritualität in Indien; Dienst an der Menschheit ist der größte Eigennutz; Jesus war ein fehlgeleiteter Jude; der Buddha, ein Spinner; gegenseitiger Terror - und nicht die Liebe - wird die Menschheit retten; es besteht kein Unterschied darin, ob man in die Kirche geht oder in eine Bar, um einen zu heben; in Ihnen ist nichts als Angst; Kommunikation zwischen den Menschen ist nicht möglich; Gott, Liebe, Glück, das Unbewußte, Tod, Reinkarnation und die Seele sind nichtexistente Produkte unserer Einbildung; Freud war der Scharlatan des 20. Jahrhunderts, während J. Krishnamurti der größter Heuchler ist.

Die furchtlose Bereitwilligkeit dieses Mannes, alles angehäufte Wissen und die Weisheiten der Vergangenheit hinwegzufegen, ist geradezu enorm. In dieser Hinsicht ist er ein Koloß, ein leibhaftiger ‘Shiva’, der bereit ist, alles zu zerstören, so daß das Leben mit neuer Kraft und Freiheit weitergehen kann. Seine unbarmherzige, ausdauernde Attacke auf unsere in hohen Ehren gehaltenen Ideen und Institutionen laufen auf nichts geringeres als eine Rebellion im Bewußtsein hinaus. Eine heruntergekommene Superstruktur, bis ins Mark hinein verdorben, wird ganz unfeierlich in die Luft gesprengt, und nichts wird an ihre Stelle gesetzt. Mit großem Vergnügen an der totalen Vernichtungsaktion bietet U.G. seinen Hörern nichts, sondern nimmt stattdessen all das weg, was wir, ohne es besser zu wissen, so geflissentlich angehäuft haben. Wenn das Alte zerstört werden muß, bevor das Neue kommen kann, dann ist U.G. in der Tat der Herold eines Neubeginns für den Menschen.

Die Gesellschaft, welche, worauf Aldous Huxley hinwies, die organisierte Lieblosigkeit ist, kann einem freien Mann wie U.G. Krishnamurti keinen Platz einräumen. Er paßt in keine der bekannten Sozialstrukturen, seien sie nun geistlich oder weltlich. Da die Gesellschaft ihre Mitglieder als Mittel dazu benützt, sich ihrer eigenen Kontinuität zu versichern, kann sie gar nicht anders, als sich von einem Menschen wie U.G. bedroht zu fühlen, einem hingebungsvollen Gegner des Establishment, der nichts zu verteidigen hat, auch keine Anhängerschaft, die er zufriedenstellen müßte, der kein Interesse an Respektabilität besitzt und der gewohnheitsmäßig die desillusionierendsten Wahrheiten ausspricht, gleichgültig, welche Konsequenzen das auch haben möge.

U.G. ist ein ‘vollendeter’ Mensch. In ihm ist keine Suche und deshalb auch kein Schicksal. Sein jetziges Leben besteht aus einer Folge von unzusammenhängenden Ereignissen. In seinem Leben gibt es keinen Mittelpunkt, niemand, der sein Leben ‘führt’, keinen inneren Schatten, keinen ‘Deus ex machina’. Es gibt da nur eine ruhige, reibungslos funktionierende biologische Maschine, nichts weiter. Man sucht vergebens nach Anzeichen für ein Selbst, einer Psyche, eines Ego; es gibt nur das einfache Funktionieren eines sensiblen Organismus. Es ist kaum verwunderlich, daß solch ein ‘vollendeter’ Mensch die banalen, glanzlosen Allgemeinheiten von Wissenschaft, Religion, Politik und Philosophie als unbrauchbar beiseite legt, um stattdessen direkt auf den eigentlichen Kern der Sache zuzugehen, indem er seinen Fall einfach, furchtlos, eindringlich und ohne ihn zu untermauern, jedem vorträgt, der zuzuhören wünscht.

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Mr. Uppaluri Gopala Krishnamurti [1] , der den Anlaß für dieses Buch liefert, wurde am 9. Juli 1918 im Dorf Masulipatam in Südindien als Sohn brahmanischer Eltern, die der Mittelklasse angehörten, geboren. So weit wir wissen, war seine Geburt von keinen besonderen Umständen begleitet, weder astraler noch sonstiger Art. Seine Mutter starb sieben Tage nach der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes am Kindbettfieber. Vor ihrem Tode beschwor sie ihren Vater, sich ganz besonders um das Kind zu kümmern, und fügte hinzu, sie sei sich sicher, daß er ein großes und bedeutendes Schicksal vor sich habe. Der Großvater nahm diese Prophezeiung und die Bitte seiner Tochter sehr ernst und schwor, dem Jungen alles zukommen zu lassen, was einem wohlhabenden Brahmanen-’Prinzen’ zustand. Der Vater heiratete bald darauf erneut und überließ U.G. der Fürsorge seiner Großeltern.

Der Großvater war ein leidenschaftlicher Theosoph und kannte J. Krishnamurti, Annie Besant, Col. Alcott und die anderen Führer der theosophischen Gesellschaft. U.G. sollte all diesen Menschen in seiner Jugend begegnen und die meisten seiner prägenden Jahre in der Gegend von Adyar verbringen, dem Welthauptquartier der Theosophischen Gesellschaft in Madras, Indien. U.G. sagt von dieser Zeit: „Mein Großvater unterhielt eine Art offenes Haus, in dem reisende Mönche und der Welt Entsagende, religiöse Gelehrte, Panditas, verschiedene Gurus, Mahatmas und Swamis willkommen waren.“ Dort gab es endlose Diskussionen über Philosophie, vergleichende Religionswissenschaft, Okkultismus und Metaphysik. An allen Wänden des Hauses hingen Bilder der berühmten hinduistischen und theosophischen Führer, insbesondere auch die von J. Krishnamurti. Kurz, die Kindheit des Knaben war von religiösen Lehren, philosophischen Gesprächen und dem Einfluß verschiedener spiritueller Persönlichkeiten durchdrungen. All dies gefiel dem Jungen sehr. Er bat sogar einen reisenden Guru, der mit einer großen Entourage von Kamelen, Schülern und Dienerschaft bei ihnen eintraf, ihn mitzunehmen, um Schüler seiner geistlichen Lehre zu werden. Der junge U.G. wurde von seinem Großvater überallhin mitgenommen, um die heiligen Stätten Indiens, die Menschen, Ashrams, Retreats und Studienzentren zu besuchen. Er verbrachte sieben Sommer im Himalaya, um klassischen Yoga mit dem berühmten Meister Swami Sivananda zu studieren.

In diesen früheren Jahren spürte U.G. allmählich, daß ‘irgendwo irgend etwas nicht stimmen konnte,’ und meinte damit die ganze religiöse Tradition, in die er von Anfang an eingebettet gewesen war. Sein Yogalehrer, der eine strenge und selbstgerechte Autoritätsperson war, wurde von U.G. unangenehm überrascht, als er ihn dabei ertappte, wie er hinter verschlossenen Türen scharfe Pickles verzehrte, eine den Yogis verbotene Speise. U.G., der nur ein Junge war, sagte zu sich selbst: „Wie kann dieser Mann sich und andere betrügen, wenn er selbst nicht das tut, was er zu tun vorgibt?“ Er gab seine Yogaübungen auf und hielt einen gesunden Skeptizismus allem Spirituellen gegenüber bis in sein Erwachsenenleben hinein aufrecht.

Immer mehr verlangte es ihn danach, die Dinge auf ‘meine Art zu tun’, da er die Autorität der anderen über sich in Frage stellte. Er brach mit den Traditionen seiner brahmanischen Herkunft und riß die heilige Schnur, Symbol seines religiösen Erbes, von seinem Körper. Er wurde zu einem jungen Zyniker, der die spirituellen Konventionen seiner Kultur ablehnte und alles in Zweifel zog. Er zeigte immer weniger Respekt für die religiösen Institutionen, die von seiner Familie und der Gesellschaft für so wichtig erachtet wurden. In ihm entwickelte sich ein gesunder Skeptizismus seinem religiösen Erbe gegenüber, eine Geringschätzung, die sich zu einem akuten Gefühl dafür entwickeln sollte, was er später ‘die Scheinheiligkeit des Heiligen Geschäfts’ nennen wird. Seine Großmutter sagte von ihm, er hätte ‘das Herz eines Schlächters’. All dies ließ ihn allmählich den enormen Mut und die Einsicht entwickeln, die nötig waren, um den ganzen psychologischen und genetischen Inhalt seiner Vergangenheit abzustreifen.

Mit einundzwanzig war U.G. zu einem Quasi-Atheisten geworden und studierte westliche Philosophie und Psychologie an der Universität von Madras. Zu dieser Zeit bat ihn ein Freund, mit ihm zusammen den berühmten ‘Weisen von Arunachula’, Bhagavan Sri Ramana Maharshi in seinem Ashram in Tiruvannamalai, unweit von Madras, zu besuchen. 1939 ging U.G. widerstrebend dorthin. Zu dieser Zeit war er zu der Überzeugung gelangt, daß alle heiligen Männer windige Existenzen seien, die versuchten, die Menschen hereinzulegen. Aber zu seiner Überraschung war Ramana Maharshi anders. Der Bhagavan, ein ruhig-heiterer rehäugiger Weiser von höchster Klugheit und Integrität, konnte nicht anders als einen starken Eindruck auf den jungen U.G. zu hinterlassen. Er sprach selten zu jenen, die mit Fragen zu ihm kamen. U.G. näherte sich dem Bhagavan mit einem Gefühl der Beklommenheit und einigen Bedenken, um dem Meister drei Fragen vorzulegen:

„Gibt es,“ fragte U.G., „so etwas wie Erleuchtung?“

„Ja, das gibt es,“ antwortete der Meister.

„Gibt es verschiedene Ebenen?“

Der Bhagavan antwortete. „Nein, es sind keine Ebenen möglich. Es ist alles Eins. Entweder Sie sind ganz dort, oder gar nicht.

Schließlich fragte U.G. „Dieses Etwas, das Erleuchtung genannt wird, können Sie mir das geben?“

Er schaute dem ernsthaften jungen Mann in die Augen und antwortete: „Ja, ich kann es geben, aber können Sie es aufnehmen?“

Von Stund‘ an ließ diese Antwort U.G nicht mehr los, und er fragte sich unerbittlich selbst: „Was ist es, das ich nicht aufnehmen kann?“ Er nahm sich fest vor, daß er das, was immer es auch war, wovon der Maharshi gesprochen hatte, „nehmen könne“. Er sollte später sagen, daß es diese Begegnung war, die ihn „wieder auf die rechte Spur brachte“. Er besuchte den Bhagavan nie wieder. Ramana Maharshi starb übrigens 1951 an Krebs und gilt als einer der größten Weisen, den Indien je hervorgebracht hat.

Mitte zwanzig war Sex für U.G. zu einem Problem geworden. Obwohl er zwischenzeitlich gelobt hatte, auf Sex und Eheschließung aus Achtung vor dem religiösen Leben im Zölibat zu verzichten, kam er schließlich zu dem Schluß, daß der Sexualtrieb natürlich sei, daß es nicht weise wäre, ihn zu unterdrücken und daß die Gesellschaft ja ohnehin legitime Institutionen geschaffen habe, um diesen Trieb zu befriedigen. Er erwählte eine von drei jungen schönen Brahmaninnen, die seine Großmutter für ihn als in Frage kommende, passende Gemahlinnen ausgewählt hatte, zu seiner Frau. Er sollte später einmal sagen: „Ich erwachte am Morgen nach meiner Hochzeit, und es wurde mir zweifelsfrei klar, daß ich den größten Fehler meines Lebens begangen hatte.“ Er war dann siebzehn Jahre lang verheiratet und wurde Vater von vier Kindern. Er wollte von Anfang an aus dieser Ehe ausbrechen, aber es kamen mehr Kinder, und das Eheleben ging irgendwie weiter. Sein ältester Sohn, Vasant, erkrankte an Kinderlähmung, und U.G. beschloß, mit seiner Familie in die USA zu ziehen, damit der Junge die beste Behandlung erhalten könne. Dafür gab er fast das gesamte vom Großvater ererbte Vermögen aus. Er hoffte, für seine Frau eine höhere Erziehung finanzieren zu können und dann Arbeit für sie zu finden, um sie dadurch von sich unabhängig zu machen. Das gelang ihm auch, und er fand für sie einen Arbeitsplatz bei der World Book Encyclopedia. Zu diesem Zeitpunkt war sein Vermögen aufgebraucht, und er war es leid, als öffentlicher Redner aufzutreten (zuerst für die Theosophische Gesellschaft und später als unabhängiger Redner). Seine Ehe war am Ende, und er hatte das Interesse daran verloren, zu kämpfen, um in dieser Welt etwas darstellen zu wollen. Anfang Vierzig war er pleite, allein und von seinen Freunden und Gefährten so gut wie vergessen. Er begann eine Wanderschaft, zuerst in New York City, später in London, wo er seine Tage in der London Library verbringen mußte, um der englischen Winterkälte zu entfliehen, und wo er indischen Kochunterricht erteilte, um ein wenig Geld zu verdienen. Dann ging es weiter nach Paris, wo er mit seinen ziellosen Wanderungen fortfuhr. Von dieser Zeit seines Lebens sollte U.G. später sagen:

Ich war wie ein Blatt im Winde, ohne Vergangenheit und Zukunft, ohne Familie und Beruf, ohne irgendeine geistige Befriedigung. Ich verlor langsam die Willenskraft, überhaupt noch etwas zu tun. Ich wies die Welt weder von mir, noch wollte ich ihr entsagen; sie driftete einfach von mir weg, und ich war unfähig und nicht willens, mich an ihr festzuhalten.

Bankrott und alleine zog er weiter nach Genf, wo er noch ein paar Francs auf einem Bankkonto hatte, wahrscheinlich genug, um für ein paar Tage damit durchzukommen. Dann war auch dieses Geld verbraucht, die Miete wurde fällig, und es blieb ihm nichts mehr, wohin er sich hätte wenden können. Er beschloß, zur indischen Botschaft zu gehen, um nach Indien repatriiert zu werden. „Ich hatte kein Geld, keine Freunde und keinen Willen mehr. Ich dachte, aus Indien können sie mich wenigstens nicht ausweisen. Dort bin ich schließlich Staatsangehöriger. Vielleicht kann ich einfach irgendwo unter einem Banyanbaum sitzen, und jemand wird mir zu essen geben.“ So ging er im Alter von fünfundvierzig, allein und ohne einen Pfennig zu besitzen, in den Augen der Welt ein kompletter Versager, in das Konsulat und bat darum, in seine Heimat zurückgeschickt zu werden. Er hatte keine andere Wahl. Das sollte zu einem Wendepunkt in seinem Leben werden.

3

U.G. ging in das Büro des Indischen Konsulats in Genf und begann dem Konsul dort seine traurige Geschichte zu erzählen. Je mehr er redete, desto faszinierter hörte der Konsul zu. Bald herrschte im ganzen Büro Stille, weil alle der Erzählung dieses bemerkenswerten Mannes lauschten. Eine der dortigen Übersetzerinnen, Valentine deKerven [2] , hörte gespannt zu. Sie war schon Anfang sechzig, sehr welterfahren und hatte Mitleid mit diesem seltsamen charismatischen Mann. Da niemand im Büro wußte, was mit ihm geschehen sollte, bot Valentine an, ihn für einige Tage bei sich unterzubringen, bis der Konsul eine andere Möglichkeit gefunden hätte.

Valentine, der die Härten des Lebens selbst nicht fremd waren, sympathisierte mit dem umherziehenden, mittellosen Mann und bot ihm bald ein Heim in der Schweiz. Sie hatte eine kleine Erbschaft gemacht und bekam eine Pension, die für beide ausreichte. U.G., der nur ungern nach Indien zurückkehren wollte, weil er dort Familie, Freunde und schlechte Aussichten für die Zukunft antreffen würde, nahm das Angebot dankend an. Die nächsten vier Jahre (1963-67) waren eine ruhige und friedliche Zeit. Sie gab ihren Job im Konsulat auf und lebte zurückgezogen mit U.G.; sie zogen, dem Wetter entsprechend, nach Italien, Südfrankreich, Paris und in die Schweiz. Später verbrachten sie dann die Winter in Südindien, wo das Leben billiger war und das Wetter milder. Während dieser Jahre tat U.G. nichts, wie er später beschrieb: „Ich schlief, las das Time Magazine, aß und ging mit Valentine oder alleine spazieren. Das war alles.“ Er befand sich in einer Art Inkubationsperiode. Seine Suche war beinahe an ihr Ende gelangt. Er erwähnte Valentine gegenüber nie die okkulten Kräfte, spirituellen Erfahrungen und die religiöse Herkunft, die einen so großen Teil seines Lebens ausmachten. Sie lebten einfach und zurückgezogen, ein privater umherziehender Haushalt.

Sie fingen an, die Sommermonate im ausgebauten Dachboden eines 400 Jahre alten Chalets in dem reizenden schweizer Ort Saanen im Berner Oberland zu verbringen. Aus irgendwelchen Gründen beschloß J. Krishnamurti, in einem riesigen Zelt, das außerhalb desselben kleinen Ortes errichtet wurde, eine Reihe von Reden und Versammlungen abzuhalten. Religiöse Sucher, Yogis, Philosophen und Intellektuelle aus dem Osten wie aus dem Westen begannen in dem kleinen Ort aufzutauchen, um die Vorträge Krishnamurtis zu besuchen, um Yogaunterricht zu nehmen oder zu erteilen und um sich über spirituelle und philosophische Themen auszutauschen. U.G. und Valentine hielten hierzu eine respektvolle Distanz ein, da sie nicht wünschten, Teil dieser wachsenden Szene zu werden, die mehr und mehr einem Zirkus zu gleichen schien.

In dieser Umgebung näherte sich U.G.s neunundvierzigster Geburtstag. Der Kowmara Nadi, eine berühmte und angesehene astrologische Aufzeichnung in Madras, hatte seit langem vorausgesagt, daß U.G. an seinem neunundvierzigsten Geburtstag einer tiefgreifenden Umwandlung unterworfen werde. Als dieser Tag näherkam, begannen merkwürdige und unerklärliche Dinge mit U.G. zu geschehen. Etwas Radikales und vollkommen Unerwartetes sollte ihm bald zustoßen.

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Im Alter von fünfunddreißig Jahren bekam U.G. immer wiederkehrende starke Kopfschmerzen und fing an, da er nicht wußte, was er sonst tun sollte, große Mengen an Kaffee und Aspirin zu sich zu nehmen, um mit den qualvollen Schmerzen fertigzuwerden. Zu dieser Zeit begann er auch immer jünger auszusehen. Mit fünfundvierzig sah er aus, als wäre er ein Mann von siebzehn oder achtzehn Jahren. Im Alter von neunundvierzig fing er wieder zu altern an, aber auch heute sieht er noch viel jünger aus als die sechsundsiebzig, die er gegenwärtig ist. Zwischen den Kopfschmerzanfällen machte er außergewöhnliche Erfahrungen, die er später so beschrieb: „Ich fühlte mich kopflos, es war, als würde mein Kopf fehlen.“ Gleichzeitig mit diesen seltsamen Phänomenen erschienen auch die sogenannten okkulten Kräfte, von denen U.G. sagt, sie seien das natürliche Vermögen des Menschen und gehörten zu seinen Instinkten. Wenn eine Person den Raum betrat, konnte U.G., auch wenn er diesen Menschen nie zuvor getroffen hatte, dessen ganze Vergangenheit so sehen, als würde er seine lebendige Autobiographie lesen. Er konnte sich die Handfläche eines Fremden ansehen und erkannte sofort dessen Schicksal. All diese okkulten Kräfte hatten sich seit seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr allmählich in ihm manifestiert. „Ich habe diese Kräfte niemals für irgend etwas benutzt; sie waren einfach da. Ich wußte, daß sie nicht von großer Bedeutung waren und ließ sie einfach sein.“

Die Dinge bauten sich weiterhin in ihm auf, und da U.G. befürchtete, Valentine könnte daraus schließen, er sei verrückt geworden, erwähnte er ihr gegenüber niemals etwas über diese außergewöhnlichen Entwicklungen und sagte auch sonst niemandem etwas davon. Als sich sein neunundvierzigster Geburtstag näherte, entwickelte sich etwas, was er später eine ‘panoramische Vision’ nennen sollte, eine Sehweise, in der das Gesichtsfeld sich in einer Ausdehnung von fast 360 Grad um das geöffnete Auge herumwickelte, während der Seher oder Beobachter völlig verschwand und die Gegenstände direkt durch seinen Kopf und Körper gingen. Der ganze Körper, und das wußte U.G. zu dieser Zeit noch nicht, bereitete sich offenbar auf eine Kalamität oder Transformation von immensen Ausmaßen vor. U.G. tat nichts.

Am Morgen des 9. Juli 1967, seinem neunundvierzigsten Geburtstag, ging U.G. zusammen mit einem Freund, um J. Krishnamurti [3] zuzuhören, der in einem großen Zelt am Rande von Saanen, dem Dorf, in dem U.G. und Valentine seit geraumer Zeit lebten, einen öffentlichen Vortrag hielt. U.G. hatte mit einem Verleger vereinbart, seine Autobiographie zu schreiben. Während U.G. an dem Buch arbeitete, kam er zu dem Teil, in dem er seine Beziehung zu J. Krishnamurti beschreiben sollte. Er besaß nicht mehr viele Erinnerungen daran, was er dem hochangesehenen älteren „Weltlehrer“ der Theosophischen Gesellschaft gegenüber empfunden hatte. Seit vielen Jahren hatte er keinen Kontakt mehr zu J. Krishnamurti gehabt und hatte keine festgelegte Meinung von ihm. Er beschloß also, sich den morgendlichen Vortrag J. Krishnamurtis anzuhören, um sozusagen „mein Gedächtnis aufzufrischen“, wie er es nannte. Mitten im Vortrag, während U.G. sich die Beschreibung Krishnamurtis eines ‘freien Menschen’ anhörte, erkannte er plötzlich, daß er selbst es war, der beschrieben wurde. „Warum, zum Teufel, höre ich jemandem zu, der beschreibt, wie ich funktioniere?“ Die Freiheit im Bewußtsein war von diesem Moment an nicht länger etwas ‘da drüben’ oder ‘da draußen’, sondern einfach die Art und Weise, wie er bereits in diesem Augenblick in physiologischer Hinsicht lebte. Das verblüffte U.G. so sehr, daß er das Zelt in einem etwas benommenen Zustand verließ und alleine zu seinem Chalet auf der anderen Seite des Tales wanderte. Als er sich dem Chalet näherte, hielt er an, um sich auf einer kleinen Bank auszuruhen, von der aus man die wunderschönen Flüsse und Berge des Saanentales überblickte.

Als er alleine auf der Bank saß und über die grünen Täler und die gezackten Gipfel des Oberlandes blickte, kam ihm der Gedanke:

Ich habe überall gesucht, um eine Antwort auf meine Frage: „Gibt es Erleuchtung?“ zu finden, aber ich habe niemals die Suche selbst in Frage gestellt. Weil ich das Ziel vorausgesetzt habe, nämlich, daß es Erleuchtung gibt, mußte ich suchen, und es war diese Suche selbst, die mich erdrückt und mich aus meinem natürlichen Zustand entfernt hat. Es gibt so etwas wie eine geistige oder psychologische Erleuchtung nicht, weil es so etwas wie Geist und Psyche gar nicht gibt. Ich war mein ganzes Leben lang ein verdammter Narr und habe nach etwas gesucht, das es nicht gibt. Meine Suche ist zu Ende.

In diesem Augenblick verschwanden alle Fragen, und U.G. hörte auf, vermittels der separativen Denkstruktur zu handeln. Ein Energieteilchen drang durch einen der Sinne in sein Gehirn ein und wurde dort in Ruhe gelassen. Ein Energieteilchen, das ungestört und frei, uninterpretiert, unzensiert und ungenutzt von einer trennenden und selbstinitiierten Denkstruktur vibriert, ist ein gefährliches Ding. Es ist genau die Substanz, aus der innere Anarchie entsteht. Da es vom Denken, das Zeit ist, unberührt bleibt, kann es nirgendwohin, es kann der Bewegungslosigkeit nicht entrinnen. Es wird ein enormer molekularer Druck aufgebaut, der nur durch eine Explosion freigesetzt werden kann. Diese Explosion verursachte in U.G. den Zusammenbruch seiner Denkstruktur und damit auch der Vorstellung eines unabhängigen Selbst und einer sich hierzu in Opposition befindlichen Gesellschaft. Er hatte das Ende des Korridors der Gegensätze erreicht; Ursache und Wirkung hörten vollkommen auf. Die Kalamität reichte bis auf die Ebene der Zellen und Chromosomen hinab. Sie war ihrer Natur nach physiologisch, nicht psychologisch. Das bedeutet, daß am Ende des Bekannten der ‘Urknall’ steht.

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U.G. saß verblüfft und bestürzt auf der kleinen Bank und sah auf seinen Körper hinab. Aber dieses Mal sah er ohne den kulturellen Hintergrund, der ihn als ‘männlich’, ‘Inder’, ‘Brahmane’, ‘Sucher’, ‘Weltreisender’, ‘öffentlicher Redner’, ‘zivilisierter Gentleman’, ‘tugendhafter Mensch’ und so weiter identifizierte, sondern er sah stattdessen ein warmblütiges Säugetier, einen ruhigen, harmlosen, voll bekleideten Affen. Sein ganzes Wesen war auf wundersame Weise gereinigt worden, in einem Augenblick waren Kultur und Selbst vollkommen aufgehoben, und was übrigblieb, war ein gefälliger, einfacher, wohlgesitteter Menschenaffe, achtsam, intelligent und frei von allen Verstellungen und der gänzlichen Inanspruchnahme mit sich selbst. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was ihm geschah, ging die paar Schritte zu seinem Chalet und legte sich hin.

Innerhalb von Stunden spürte er, wie die Kontraktionen an verschiedenen Stellen seines Körpers - hauptsächlich im Gehirn, an den Nervengeflechten und an bestimmten Drüsen - nachließen. Der Körper, der nicht länger von dem angehäuften Wissen der Vergangenheit (der separativen Denkstruktur) erstickt und unterdrückt wurde, unterging einer richtiggehenden Mutation. An verschiedenen Stellen, einschließlich der Hypophyse, der Zirbeldrüse und der Thymusdrüse, mitten auf der Stirn und auf der Vorderseite des Halses, erschienen große Schwellungen. Der Lidschlag der Augen hörte auf und latent vorhandene Tränendrüsen begannen die Augen auf eine neue Weise zu befeuchten. Diverse Kundalini-Erfahrungen manifestierten sich, obwohl U.G. auf diese nur in rein physiologischen Temini verweist. Eine Art Verbrennung oder ‘Ionisierung’ der Zellen fand täglich statt, wobei die Körpertemperatur auf unglaubliche Höhen stieg und eine Art Asche abgesondert wurde, die sich unschwer am Körper erkennen ließ. So wie ein Computer ‘abstürzt’, so ging auch U.G. mehrmals am Tage ‘aus’, indem er in einen Todeszustand glitt, wobei der Herzschlag fast ganz aufhörte, die Körpertemperatur auf eine Stufe fiel, die gerade noch hoch genug war, um das Leben aufrechtzuerhalten, und sein ganzer Körper wurde sehr steif und moribund. Gerade bevor der Körper den klinischen Todeszustand erreicht hatte, ‘sprang’ er irgendwie wieder an, der Puls beschleunigte sich, die Temperatur wurde wieder normal und es zeigten sich langsame Streckbewegungen, die ähnlich denen eines Säuglings waren. Innerhalb von wenigen Minuten war er dann wieder zurück in der Normalität.

Auf diese außergewöhnliche Mutation verweist U.G. gewöhnlich als seine ‘Kalamität’. Es war ein enormer Schock für den Körper, daß sein Unterdrücker, die trennende psychische Struktur, kollabierte und vollkommen verschwand. Es gab keinen psychischen Koordinator mehr, der den gesamten sensorischen Input auf seine Richtigkeit prüfte, verglich und anpaßte, um so den Körper und sein Umfeld für seine eigene separative Kontinuität zu benutzen. Die Geschehnisse wurden zergliedert und zusammenhangslos. Die Sinne, befreit von der ‘Gedanken Blässe’, begannen ihre eigene Laufbahn, und der nützliche Gehalt von Denken und Kultur trat sozusagen in den Hintergrund, um nur dann wieder, unbehelligt von jeglichen sentimentalen oder emotionalen Beiklängen, in das Bewußtsein zu treten, wenn ein objektives Erfordernis dafür bestand, oder um für das einwandfreie Funktionieren des physischen Organismus zu sorgen. Seine Hände und Unterarme veränderten ihre Struktur, so daß seine Hände inzwischen nach hinten anstatt zur Seite gerichtet sind. Sein Körper ist jetzt der eines Hermaphroditen, die perfekte Vereinigung von Animus-Anima, und erfreut sich einer Sexualität, deren Vorlieben wir nur ahnen können. Seine rechte Seite reagiert auf Frauen, seine linke mehr auf Männer. Der natürliche Energiefluß durch seinen Körper, der nun nicht länger vom einschnürenden Denken blockiert und verschwendet wird, fließt direkt durch die Wirbelsäule in das Gehirn und oben zu seinem Kopf heraus. Seine biologische Sensibilität (und eine andere gibt es nicht) ist so fein, daß die Bewegungen der Himmelskörper, insbesondere des Mondes, einen sichtbar starken Effekt auf ihn ausüben „Affektives Wohlwollen zu zeigen, bedeutet nicht, daß man sich gefühlvoll verhält oder ständig andere berühren muß, sondern daß man von allem affiziert wird“, sagt er.

Diese unglaublichen physiologischen Veränderungen dauerten jahrelang an. Was mit ihm geschehen war, hatte ihn so aus der Fassung gebracht, daß er nach der Kalamität ein Jahr lang nicht sprach. Seine Mutation war so vollständig gewesen, daß er praktisch von vorn anfangen und neu denken und sprechen lernen mußte. Nach ungefähr einem Jahr hatte er die meisten seiner kommunikativen Kräfte wiedergewonnen, obwohl er immer noch nicht sprach. „Was gibt es denn noch zu sagen, nachdem einem so etwas passiert ist?“ fragte er sich selbst. Eines Tages kam ihm blitzartig die Antwort: „Ich werde es genau so sagen, wie es ist.“ Mit Ausnahme eines Jahres in den späten Siebzigern hat er seither unermüdlich geredet. Über all das sagt U.G. jetzt:

Ich weiß nicht, was mir geschah. Ich hatte überhaupt keinen Bezugspunkt. Irgendwie bin ich gestorben und, Gott sei Dank befreit von meiner Vergangenheit, ins Leben zurückgekehrt. Das ist ohne meinen Willen und trotz meines religiösen Lebenshintergrundes geschehen, und das ist ein Wunder. Es kann nicht als Modell benutzt und von anderen kopiert werden.

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Was U.G. auf diesen Seiten beschreibt - seinen natürlichen Zustand - stellt keine neue Art zu leben dar, denn eine bestimmte Lebensweise bedeutet für uns eigentlich nur die Möglichkeit, das zu bekommen, was wir wollen. Wenn wir uns verändern, dann nur, um das, was wir haben wollen, auf eine andere Weise zu bekommen. Hier, bei U.G., ist alles Wollen, das über das pure Überleben und die Fortpflanzung hinausgeht, ausgelöscht. Etwas von anderen zu wollen, das mehr ist, als die körperlichen Grundbedürfnisse zu stillen, hört auf. Alle psychologischen und geistigen Bedürfnisse haben keinerlei Grundlage. Das ist U.G.s entwaffnende Botschaft: Wer durch ihn irgendeine psychologische Befriedigung oder einen spirituellen Gewinn sucht, geht vollkommen an der Sache vorbei.

Aus diesem Grund hat U.G. keine Schulen, ‘Ashrams’ oder Meditationszentren gegründet. Er hat keine Lehre, die er verbreiten oder verteidigen müßte. Er besitzt keine Anhängerschaft, hält keine öffentlichen Vorträge, betritt kein Podium, er zensiert nichts, er bietet keine Übungen oder Sadhana irgendwelcher Art an, und er liefert keine Lösungen für die wachsenden Probleme des Menschen. Er ist ein privater Bürger, lebt in einem normalen Haus und spricht informell mit den Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, an seiner Tür erscheinen. Niemand wird gebeten zu kommen und niemand wird gebeten, wieder zu gehen. Sein Leben und seine Lehre hinterlassen keine Spuren, und wenn jemand versuchen sollte, seine Botschaft zu bewahren, zu bereinigen oder zu institutionalisieren, dann wäre das ein Verleugnen all dessen, was er so unerschrocken sagt, und daher absurd.

„Ich habe keine Botschaft für die Menschheit“ sagt U.G. „Aber einer Sache bin ich mir sicher, und das ist, daß ich Ihnen weder helfen kann, Ihr grundlegendes Dilemma zu lösen, noch kann ich Sie davor retten, sich selbst zu betrügen, und wenn ich ihnen nicht helfen kann, kann es niemand.“

Der Herausgeber hofft, daß dieser Band , zusammen mit U.G.s erstem Buch, ‘Die Mystique der Erleuchtung’, dazu dienen möge, dem Leser einen ungewöhnlichen Mann in einer ungewöhnlichen Zeit vorzustellen, einen Mann, der so normal und unkorrumpiert ist, daß er die abgehobene Stellung eines Erlösers oder Weltlehrers für sich abgelehnt hat und der stattdessen mit unbezwingbarem Mut und unnachgiebiger Integrität auf den einzig wahren wirklichen Retter des Menschen hinweist - jene paradoxe Freiheit, die darauf beruht, ohne zu klagen auf sich selbst zu bauen und gleichzeitig dazu bereit zu sein, dieses Selbst ohne Furcht aufzugeben.

Terry Newland

Mill Valley,

California

December 1985


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[1] Der Nachname  ist Uppaluri, der Vorname Krishnamurti, er wurde ihm nach dem Namen seines Großvaters gegeben, und bedeutet auf Sanskrit ‘Das Ebenbild Krishnas’. Er ist ein häufiger Jungenname  in Südindien und weist nicht auf eine Familienzusammengehörigkeit zwischen  ihm und dem berühmten Lehrer und Autor Jiddu Krishnamurti hin.

[2] Valentine war selbst eine bemerkenswerte Frau. Sie wurde im August 1901 in der Schweiz als Tochter eines berühmten Gehirnchirurgen (von dem das deKerven-Syndrom seinen Namen hat) geboren, sie durchquerte die Sahara mit dem Motorrad, war die erste Frau, die in Paris Hosen trug, sie war die erste weibliche Filmproduzentin in Frankreich und versuchte (erfolglos) dem Kampf gegen Francos Faschisten in Spanien beizutreten. Während dies geschrieben wird, ist sie seit dreiundzwanzig Jahre U.G.s Freundin und Reisebegleiterin. Sie ist heute 84 Jahre alt und bereist immer noch mit U.G die Welt.

[3] Es scheint irgendeine Verbindung zwischen U.G. und dem berühmten Philosophen Jiddu Krishnamurti zu geben, der im Mai 1895 nicht weit von U.G.s Geburtsort im Staate Andhra Pradesh in Südindien geboren wurde. J. Krishnamurti war von Annie Besant ‘entdeckt’ worden, der bekannten Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft. Sie und andere  in der Gesellschaft waren davon überzeugt, daß der kleine Brahmanenjunge der neue Weltlehrer oder Jagat-Guru sei. Er wurde zum Oberhaupt einer weltumspannenden Organisation ernannt, die dazu diente, seine Lehren zu verbreiten, und so reiste er bald durch die Welt und sprach über sein Hauptthema, die individuellen Freiheit durch Bewußtheit, vorurteilsloses Hinterfragen und intensives Untersuchen dessen, was ist. Anscheinend machte er in seinen frühen Dreißigern eine tiefgehende psycho-physische Transformation in Ojaj, Kalifornien, durch. Bald danach brach er, zumindest formell, mit der Theosophischen Gesellschaft und dem ‘Order of the Star’, jener Organisation, die sich die Förderung seines Messiasamtes zur Aufgabe gemacht hatte, und er begann ein Leben als privater Bürger. Er lebte einige Jahre lang ein ruhiges Leben, beriet einzelne Menschen, hielt informelle Vorträge und nahm an erzieherischen Aufgaben  teil. In den späten Fünfzigern riefen seine beiden Bücher: ‘Die Erste und die Letzte Freiheit’ und die ‘Commentaries on Living’ eine kleine Sensation hervor, und er gewann dadurch eine viel größere und allgemeinere Anhängerschaft  . Er wies jeglichen Führungsanspruch  ebenso zurück wie die Versuche, seine Lehre zu institutionalisieren, was ihm zur Ehre gereicht. In den späten Sechzigern gründeten er und andere die  große ‘Krishnamurti Foundation’, mit Hauptsitz in Brockwood Park, England. Er steht jetzt einer weltweiten religiösen Gesellschaft vor, die Bücher und Tonbänder veröffentlicht, Schulen betreibt und Versammlungen abhält.

Die Ähnlichkeiten zwischen U.G. Krishnamurti und J. Krishnamurti sind, hört man U.G., nur illusorisch. „Ich glaube nicht,“ sagt er „daß wir außer unserem Namen etwas gemeinsam haben“. Sie wurden beide in theosophische Brahmanenfamilien hinein geboren, die aus Südindien stammten; beide gehörten sie lange der Theosophischen Gemeinde an, insbesondere in Adyar Madras, dem Welthauptsitz der Religion; sie verwenden beide  eine ähnliche Sprache, wenn sie die vorherrschenden theologischen und psychologischen Thesen  sowohl des Ostens wie des Westen brandmarken; sie leben zur gleichen Zeit an ungefähr den selben Orten in der Welt; beide haben sie, ob sie das zugeben oder nicht, eine devote Anhängerschaft, von denen jede ohne Zweifel davon überzeugt ist, daß ihr Mann einmalig unter den Lehrern ist. 

Ich kenne J. Krishnamurtis Meinung über U.G. nicht, falls er denn eine hat. Aber die Ansichten des letzteren über den Vorgenannten mögen für jene von Interesse sein, die diese beiden bedeutenden und einmaligen Gestalten einander gegenüberstellen wollen. In seiner Jugend war U.G. von Bewunderern J. Krishnamurtis umgeben, und er selbst entwickelte einen tiefen, wenn auch nicht ganz unvoreingenommenen Respekt vor diesem Mann. U.G. sollte später sagen: „Ich dachte, daß er wohl der Einzige sei, der sich wirklich von seiner Vergangenheit befreit und das gefunden hat, wonach er suchte. Eine Zeitlang besuchte ich ihn mit meiner Frau in Madras. Wir führten lange, ernste Gespräche, die uns aber nicht weiterführten. In mir blieb das Gefühl zurück, daß er den Zuckerwürfel wohl gesehen, aber niemals von ihm gekostet hat.“ In welchem Zustand auch immer Krishnamurti sich befinden mochte, so war es doch klar, daß er für U.G. keine Hilfe war. Nach seiner Kalamität nahm U.G. dem älteren Mann gegenüber  eine harte Haltung ein und nannte ihn „den größten Schwindler des 20. Jahrhunderts“ und einen „Lieferanten von archaischem, veraltetem, und überholtem viktorianischem Quatsch“. Er hat niemals die persönliche Integrität dieses Mannes in Zweifel gezogen, glaubt aber, daß er den Prinzipien seiner eigenen Lehre zuwiderhandelt. „Er brandmarkt Systeme, und eröffnet Meditationsschulen; er spricht von der lähmenden Wirkung der Konditionierung, und dann betreibt er Schulen, die noch mehr Konditionierungen schaffen; er redet von Einfachheit und baut weltumspannende Grundstücksgesellschaften auf; er sagt, man sei ganz auf sich selbst verwiesen und tut dann alles, um seine Lehre für die Zukunft zu erhalten.“ sagt U.G. Des weiteren besteht U.G. darauf, daß J. Krishnamurti die Leute auf subtile Weise dazu verleitet, an ein spirituelles Ziel zu glauben, ein Ziel, das darüber hinaus  auch durch bestimmte Techniken erreicht werden könnte  - ‘passives Gewahrsein‘, ‘freie Erkundigung’, ‘direkte Wahrnehmung’,’ Skeptizismus’ und so weiter. J. Krishnamurti spricht von einer Transformation im Bewußtsein, während  U.G. die Vorstellung einer Transformation vollkommen ablehnt. „Es gibt nichts, das transformiert werden kann, es gibt keine Psyche, die es zu revolutionieren gilt und kein Bewußtsein, das man dazu benützen könnte, sich selbst zu verbessern oder zu ändern,“ sagt U.G.

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